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Der Ritus

Riten. S 1969. R,B: Ingmar Bergman. K: Sven Nykvist. S: Siv Lundgren. P: Ingmar Bergman. D: Andreas Ek, Gunnar Björnstrand, Ingrid Thulin, Erik Hell, Ingmar Bergman u.a.
72 Min. Arthaus ab 9.6.06

Sp: Deutsch (DD 1.0), Schwedisch (DD 1.0). Ut: Deutsch (forced). Bf: 1.33:1 Vollbild. Ex: Produktionsnotizen, Trailer u.a.

Spiel ist alles, Sein ist nichts

Von Stefan Höltgen 1969 erscheint mit Der Ritus Ingmar Bergmans erste Fernseharbeit. In vielerlei Dingen unterscheidet sich der Film von den vorherigen und nachfolgenden Werken: Zunächst erfordert die Produktion für das Fernsehen eine gänzlich andere Vorgehensweise und vereinfacht etliche Aspekte, verlangt jedoch ausdrucksstarke Schauspieler (an denen es in Bergmans Ensemble nie gefehlt hat), weil die Groß- und Nahaufnahme die bevorzugte Einstellungsgröße des Mediums ist. In Der Ritus kondensiert Bergman seine Settings auf das Notwendigste, stellt die vier Protagonisten ins Zentrum seines in neun »Szenen« aufgeteilten Kammerspiels. Und trotz der ästhetischen Verschiedenartigkeit des Films zum übrigen Œuvre Bergmans, ist Der Ritus doch auch ein Sublimat, ein Amalgam seiner psychologischen und philosophischen Studien und ein luzider Vorgriff auf seine eigene Existenz als Künstler in Schweden.

Die drei Künstler der Gruppe »Les Riens« (»Die Nichtse«) sind angeklagt, mit ihrer Darbietung »Der Ritus« ein »Sittlichkeitsvergehen« begangen zu haben. Was Gegenstand des Spiels ist und worin genau die Vorwürfe liegen, bleibt zunächst im Dunkel. Nach und nach wird die Gruppe und dann deren Mitglieder Hans Winkelmann, Sebastian Fisher und Thea von Ritt einzeln dem Untersuchungsrichter Dr. Abrahamson vorgeführt. Dieser behandelt die Schauspieler zunächst freundlich und zuvorkommend, paßt sich in den Einzelgesprächen jedoch zusehends deren Charakterstärken und -schwächen an, läßt sich in die Defensive drängen, nutzt Ängste und Unsicherheiten aus. Es ist für ihn klar, daß die drei nur als Trio souverän aufzutreten in der Lage sind, als Einzelpersonen jedoch schwach und angreifbar werden. Doch auch der Richter selbst muß im Laufe der Befragungen erkennen, daß er seinen Beruf und seine Persönlichkeit nicht zu trennen in der Lage ist. Mehr und mehr offenbart auch er seine Ängste und Schwächen, bis er schließlich am Ende, als die Darsteller kostümiert in seinem Büro ihr inkriminiertes Stück aufführen, alle Kraft und allen Lebenswillen verliert und an Herzversagen stirbt.

Eckhard Weise sieht in Der Ritus vor allem eine Stellungnahme Bergmans zur Rolle des Künstlers in der Gesellschaft. Weise erkennt ebenfalls die Notwendigkeit des Zusammenhalts der Gruppe, die nur auf diese Weise einen adäquaten Widerpart zum Untersuchungsrichter (der bei Weise als Künstler-Antipode, als »Bürger« gesehen wird) bilden können. Doch eine solche Lesart instrumentalisiert die psychologischen Facetten der einzelnen Figuren und die philosophische Parabelhaftigkeit des Gesamten zu stark für eine kulturkritische Lektüre. Gerade als Nachfolgefilm der existenzialistischen Beiträge Die Stunde des Wolfs und Schande und vor Passion sollte die Beschäftigung Bergmans mit der spezifischen schwedischen Spielart eines von Literaten wie August Strindberg und Stig Dagerman geprägten Existenzialismus nicht unbeachtet bleiben. In den Agonien, Aggressionen und Aversionen der einzelnen Figuren lassen sich typische Merkmale jenes Lebensekels, den Sartre als die Conditio humana des modernen Menschen ausgemacht hat, wieder finden.

So ist es bei Thea die Angst vor allem und jedem, vor allem aber vor dem Untersuchungsrichter, seiner Funktion als Aufklärer und als Mann, die ihr Dasein bestimmt. Sie erschrickt vor sich selbst, windet sich in Qualen, reagiert schockartig auf Berührungen und verleugnet sich selbst, schreibt sich eine falsche Biographie, die sie wie einen Schutzpanzer vor sich herträgt. »Spiel ist alles«, sagt sie, und selbst in ihren Bekenntnissen – sie schreibt einen Bericht für Dr. Abrahamson, der ihr die Aussage ersparen soll – spielt sie nur mit der Wahrheit, kokettiert mit ihrer kranken Seele und provoziert den Richter schließlich, genau das Gegenteil von dem zu tun, was sie erhofft: Er wird herrisch, sachlich, bürokratisch und schließlich gewalttätig gegen sie. Ganz anders Sebastian Fisher. Er gibt sich schon gleich als aggressiv und unnahbar. Auch er lügt den Richter an, indem er ihm Details aus seiner Biographie verschweigt. Seine Lügen dienen jedoch nicht dem Selbstschutz, sondern vielmehr der Provokation. Schon in der ersten Vis-à-vis-Vernehmung beleidigt und verhöhnt er den Juristen, schlägt ihn sogar. Er gibt sich als Agnostiker zu erkennen und gesteht einen Mord mit einer Beiläufigkeit, wie sie an Camus' Meursault aus Der Fremde erinnert. Andreas ist in seiner Wut genau jener Sisyphos, der nicht »weil«, sondern »trotzdem« weitermacht.

Dem Richter am ähnlichsten scheint Hans Winkelmann. Seine Höflichkeit wirkt zunächst distinguiert, doch bald schon servil, als Abrahamson herausfindet, daß sie lediglich dem Schutz Theas und Sebastians dient, deren Affäre Winkelmann zur Kenntnis nimmt, sogar unterstützt, die ihm jedoch seine fundamentale Hilflosigkeit dem Leben gegenüber vor Augen führt. Abrahamson, der die Lebensschwäche Winkelmanns von sich selbst kennt, nutzt diese geschickt aus, um den »Kopf« der Künstlertruppe in eine moralische und emotionale Zwickmühle zu treiben: Er läßt einen Bestechungsversuch geschehen, den er nur aus dem Grund nicht ahndet, damit er Thea, die durch die Bestechung von der Aussage verschont bleiben sollte, vorladen und die Schuld dafür auf Winkelmann selbst abwälzen kann.

Es scheint also, als wäre der Richter seinen Angeklagten in jeder Hinsicht überlegen. Daß dem nicht so ist, ja, daß eigentlich nicht einmal dieser Anschein erweckt werden sollte, offenbart sich nicht erst am Ende, sondern schon während der Verhandlungen. Vielmehr bilden die drei Schauspieler-Persönlichkeiten Facetten der Persönlichkeit des Richters ab, verzerren sie ins Übergroße, konfrontieren ihn mit sich selbst. Angst, Selbstverleugnung und Aggression bilden seinen seelischen Kern. So treibt ihn die Aggression Sebastians direkt in die Kirche in einen Beichtstuhl, nicht etwa um Sünden zu gestehen, sondern, um sich einer Person anzuvertrauen, sich die Angst – wie er später zugibt, sein erstes und fundamentales Lebensgefühl – von der Seele zu reden. Der Priester (von Ingmar Bergman selbst gespielt) schweigt. Er hat nichts zu sagen, keine Hilfe und keinen Trost zu spenden. Die Menschen, auch die gläubigen unter ihnen, sind allein, sie sind in die Welt geworfen. Auch Thea gegenüber gelingt es Abrahamson nicht, Contenance zu wahren. Als er von den Freundlichkeiten in die Sachlichkeit und schließlich in die Aggression überschwenkt, offenbart sich auf physischer Ebene das eigentliche Wesen seines Berufs: Er ist ein Instrument der Gewalt. Die Vergewaltigung am Ende des Verhörs, die gleichzeitig von der masochistischen Thea herbeigesehnt zu werden scheint, ist Ausdruck dieses Selbstverständnisses. Daß er danach keineswegs »Schuld« auf sich geladen hat, sondern umso aggressiver ein nun noch härteres Durchgreifen gegen die Künstler ankündigt, scheint diese These zu belegen.

Was ist das Vergehen, dessen sich diese drei »Nichtse« schuldig gemacht haben? Es ist die Aufführung eines Kunststückes, das als »Sittlichkeitsverbrechen« gesehen wird und das von Weise als »eine Art Potenzkult-Pantomime« bezeichnet wird (siehe Eckard Weise: Ingmar Bergman. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt 1987). Am Ende treten sie kostümiert auf und führen es dem Richter vor. Als solche »Dreifaltigkeit« von Angst, Wut und Selbstbetrug sind sie dem Richter gegenüber übermächtig; nicht sein schwaches Herz tötet diesen, sondern diese Übermacht. Doch ist die Anklage, gegen die sich die Künstler zur Wehr setzen sollen, genauso absurd wie jene Mordanklage gegen Camus Meursault. Der Untersuchungsprozeß, der gegen sie geführt wird, ist von Intention und Ausführung eine kafkaeske Veranstaltung, ein Vorwand, um durch einen rein bürokratischen Akt drei Persönlichkeiten bloßzulegen. »Der Ritus«, der im Büro des Richters zur Aufführung gelangt, ist so gesehen auch nichts anderes als ein Katalysator, der all jene mentalen und ideologischen Aspekte des Plots auf den Punkt bringt und in eine Form gießt. Die Archaik der Aufführung steht im scharfen Kontrast zum übrigen Gestus des Films, ihre Wildheit, ausgedrückt in den Kostümen, der Musik und den Handlungen ein Widerspruch zur beinahe theatresken Machart des Films.

Bergmans Der Ritus ist eines der unbekannteren Werke des schwedischen Regisseurs. 1970 erstmals in Deutschland im ZDF ausgestrahlt, hat der Film zwar eine Handvoll Wiederaufführungen im Fernsehen erfahren, eine Auswertung auf Video oder DVD ist ihm bislang jedoch nicht zuteil geworden. Kinowelt/Arthaus ist es wieder einmal zu verdanken, daß diesem Umstand Abhilfe geschaffen wurde. Die DVD birgt neben der deutschen und der Originaltonspur nebst deutschen Untertiteln zwar kaum zum Film gehörende Extras, weist jedoch eine exzellente Bild- und Tonqualität auf. In der Rückschau liefert der Film eine Fülle interessanter Aspekte die Ästhetik und Philosophie Bergmans betreffend. Und auch dessen eigene Künstlerkarriere scheint Der Ritus luzide zu kommentieren: Sebastian Fisher wurde in einem skandinavischen Land wegen Steuerhinterziehung angeklagt, wie Bergman es 1976 selbst erleben muß. Doch der Regisseur kehrt 1977 erstmals, 1981 dann vollständig in seine Heimat zurück. Das Schlußwort des Films bescheidet den Nichtsen eine andere Laufbahn: »Die drei Künstler wurden […] wegen ihres pantomimischen Aktes, den sie den RITUS nannten, verurteilt. Sie bezahlten das Bußgeld, gaben ein paar Interviews und machten gegen Ende des Sommers Urlaub. In das betreffende Land kehrten sie nie wieder zurück.« 1970-01-01 01:00

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