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Re-Cycle

Gwai wik. HK 2006. R,B: Oxide Pang, Danny Pang. K: Decha Srimantra. S: Danny Pang, Oxide Pang, Curran Pang. M: Payont Permsith. P: Universe Entertainment. D: Ekin Cheng, Angelica Lee, Rain Li u.a.
101 Min 23.2.07

Sp: Deutsch (DD 5.1), Kantonesisch (DD 5.1). Ut: Deutsch. Bf: 2.35:1 anamorph. Ex: Making of, Behind the Scenes, Interview, Red Carpet-Reel u.a.

Jeder hat etwas, das er vergessen will.

Von Stefan Höltgen Es ist fast seltsam, wie produktiv das asiatische Gruselkino nach nunmehr beinahe zehn Jahren immer noch ist. Vor allem Korea und Thailand tun sich in den letzten Jahren mit Produktionen hervor, die die Muster des »J-Horror« gekonnt adaptieren und variieren und zwar scheinbar immer dieselbe Geistergeschichte erzählen, dies jedoch mit einer sich stetig perfektionierenden Ästhetik. Die Variation der Themen mag sich dabei mehr und mehr auch an das westliche Publikum richten – den markanten narrativen Einschlag, der zumeist von Themen der persönlichen Vergangenheitsbewältigung handelt, verlieren aber auch die jüngsten Filme nicht. Die Pang Brothers, die in der Vergangenheit für mehrere Werke aus Thailand als Produzenten und Regisseure auftraten, haben mit Re-Cycle nun versucht, den Geisterfilm mit dem Fantasy-Film zu paaren. Und auch hier verschmelzen Erzähltradition und ästhetische Innovation aufs Beste.

Die Themenwahl des Films greift ein nicht nur seit der Frühzeit des Kinos beliebtes Motiv – das des Doppelgängers – auf, sondern geht sogar noch weiter zurück bis in den Themenfundus der Gothic Novel, die die Frage nach der künstlerischen Produktion selbst zu einem Thema des Horrors gemacht hat (vgl. Poes »Das ovale Portrait« oder Oscar Wildes »Das Bildnis des Dorian Gray«). In Re-Cycle begibt sich eine Schriftstellerin, Tsui Ting-Yin, bei der Recherche zu einem Geisterroman auf Introspektion. Das Thema ihres Buches, das bezeichnenderweise ebenso wie der Film »Re-Cycle« heißt, soll vom Vergessenen und Verdrängten handeln. Den »Einstieg« in das Thema findet sie daher über das Löschen von scheinbar mißglückten und verworfenen Text-Passagen. Zunächst tauchen von ihr »beschriebene« und gelöschte Figuren in ihrer Welt auf. Als sie dann beginnt, einen eigenen fiktionalen Kosmos zu entwerfen, verwandelt sich ihre Welt in diesen, und sie ist – das macht den Hauptteil des Films aus – bemüht, aus diesem wieder hinauszufinden.

Die Tatsache, daß sich die Autorin selbst zur zentralen Figur ihrer Erzäh-lung macht, ist schon ein selbstreflexiver Hinweis auf eine mögliche Lesart von Re-Cycle. Dessen Narration existiert schon deshalb zwei Mal, weil der Roman, den sie schreibt, wie der Film heißt, der vom Romanschreiben handelt. Die Pang Brothers inszenieren hier also einen Stoff, der mit der Differenz von Autorschaft und impliziter Autorschaft spielt. Wie die junge Frau in der Fantasy-Welt ihre eigene Geschichte wahrnimmt und welche Wege sie durch ihre mentale Landschaft nimmt, wird nicht nur der Stoff für ihren Roman sein, sondern läßt sie auch einen Blick auf sich selbst werfen. In der Fantasy-Welt begegnet sie dem von ihr Verworfenen und Verdrängten, all jenen Stoffen, aus denen immer schon das »Unheimliche« bestand, das sein Kapital aus der Oszillation zwischen Heimlichem und Heimeligem schlägt. Insofern wird das zentrale verdrängte Trauma, dem sie dort begegnet, für sie zum Kern ihrer Erzählung und zu einem Ausgang aus der Welt des Verdrängten, die sich immer mehr als »therapeutischer Raum« erweist.

Ohne hier zuviel verraten zu wollen, läuft der Film Re-Cycle damit auf ein konsequentes Ende hinaus, wo sich die zwei Autorfunktionen begegnen und das Motiv des Doppelgängers aus dem Horror-Inventar in eine beinahe psychische Katharsis überführt wird (mit Otto Rank, der die Figur des Doppelgängers bereits 1914 beinahe erschöpfend untersucht hat, ließe sich der Film komplett psychoanalytisch als Fallgeschichte interpretieren). Aber auch über eine solche quasi therapeutische Lesart hinaus gewinnt Re-Cycle gerade durch seine spielerischen Selbstreflexionen und die Behandlung des Themas »Autorschaft und Biografie« eine faszinierende Deutungsmöglichkeit. Die Eigenartigkeit, sich selbst in die Fiktion einzuschreiben und beim Lesen daraus Dinge zu lernen, die man »immer schon« über sich wußte, ohne daß sie je bewußt waren, wäre hier ein anderer Zugang zur Erzählung.

Umgesetzt ist das ganze mit perfektesten formalästhetischen Mitteln. Die Pang Brothers verstehen ihr Handwerk, gelangen immer wieder zu originellen Perspektiven und Inszenierungsweisen, mit denen sie den Fundus an Horrordarstellungen erweitern. Re-Cycle wirkt – obwohl er die xte Variante des Geisterfilms darstellt – auch deswegen streckenweise extrem gruselig. Darüber hinaus macht die Ausstattung den Film zu einem opti-schen Genuß. Die Ideenvielfalt gerade bei der Ausgestaltung der Fantasy-Welt, in der sich die Protagonistin wiederfindet, sucht ihresgleichen. Sicherlich sind auch hier motivische Bezüge – etwa zur Silent Hill-Spielreihe oder zu den Zeichentrick-Welten Hayao Myazakis – zu finden. Doch bleibt Re-Cycle in der Variation dieser Anleihen stets er selbst und schöpft sein Potential allein aus der Verbindung von Erzählgegenstand und Darstellungsweise. Das tröstet nicht nur über die typisch kitschige Auflösung des Grusel-Rätsels hinweg (die wie so oft im asiatischen Gruselkino rein biographisch-traumatischer Natur ist), sondern zeigt auch, wieviel Potential in der Variation des Immergleichen liegen kann, wenn es erst einmal qua Selbstreflexion auf die Bedingungen seiner Möglichkeiten blickt. 1970-01-01 01:00

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