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Die Jungfrauenbrücke

Djävulens öga. S 1960. R,B: Ingmar Bergman. K: Gunnar Fischer. S: Oscar Rosander. M: Erik Nordgren. P: Svensk Filmindustri (SF). D: Jarl Kulle, Bibi Andersson, Stig Järrel, Nils Poppe, Gertrud Fridh, Sture Lagerwall u.a.
84 Min. Arthaus ab 5.6.07

Sp: Deutsch (DD 2.0), Schwedisch (DD 2.0). Ut: Deutsch. Bf: 1.33:1 Vollbild. Ex: Produktionsnotizen, Trailer.

Vor(m) Nichts schützt einen die Liebe

Von Stefan Höltgen »Was Don Juan in Tätigkeit versetzt, ist eine Ethik der Quantität – im Gegensatz zum Heiligen, der zur Qualität neigt. An den tiefen Sinn der Dinge nicht glauben – das ist die Eigentümlichkeit des absurden Menschen.« Für Albert Camus, der dies 1942 in seinem »Mythos von Sisyphos« geschrieben hat, ist Don Juan in seinem Verlangen nach Serialität in der Liebe der absurde Held par excellence. Diesen Helden zeichnet die Revolte gegen die Hoffnungslosigkeit des Seins und gleichzeitig gegen den Unsinn des Nichts aus. Ingmar Bergman hat diese Form des Existenzialismus in etlichen Beispielen seines filmischen Werks adaptiert. Dem Camus'schen Modell ist er dabei in keinem Film so nahe gekommen wie in Die Jungfrauenbrücke (in Deutschland zuerst unter dem originalgetreueren Titel Das Teufelsauge erschienen).

Daß Die Jungfrauenbrücke eine – wenn auch vielfach gebrochene – Komödie ist, leistet diesem Eindruck keinen Abbruch, denn letztlich ist auch das von Camus postulierte Absurde eine Form von Komik – eine, in der der absurde Held der Ewigkeit ins Gesicht lacht. Diese Ewigkeit durchleidet Bergmans Don Juan in seiner ganz privaten Barock-Hölle, in die ihm der Teufel mehrfach täglich Frauen schickt, die Don Juan zu betören hat, sie jedoch verliert, sobald es ihm gelingt. Als etwas unerhört Gutes auf der Erde geschieht, was dem Teufel ein Auge entzünden läßt, raten ihm seine Gehilfen, Don Juan für einen Tag ins Leben zurückzuschicken, um für »Besserung« zu sorgen: Es ist nämlich die Jungfräulichkeit der 20-jährigen Pfarrerstochter Britt-Marie, die dem Teufel ein sprichwörtlicher Dorn im Auge ist. Don Juan soll sie verführen, so daß sie nicht ohne Schande in die nahende Ehe mit ihrem Gatten Jonas gehen kann. Don Juan und sein Diener Pablo werden auf das Leben im 20. Jahrhundert vorbereitet und schließlich für einen Tag und eine Nacht nach oben geschickt – mit dabei ein teuflischer Aufpasser, der Don Juans Erfolg oder Mißerfolg protokollieren und darauf aufpassen soll, daß Pablo die Finger von den Frauen läßt. Womit jedoch alle Beteiligten nicht rechnen, ist eine Moralität und Sittlichkeit, die nicht aus Prinzipien, sondern aus der Absurdität selbst geboren ist.

Es ist eine Tragikomödie, die sich entspinnt, sobald die höllischen und die irdischen Protagonisten aufeinandertreffen. Wo Don Juan durch seine immanente Verzweiflung und seinen Zynismus stets emotionale Schwere verbreitet, leistet sein Diener Pablo genau das Gegenteil, wenn er sogleich damit beginnt, die Pfarrers-Ehefrau zu bezirzen. Hier verschiebt sich bereits ein Handlungsmodell zwischen den Figuren, das sie wie Kommentierende zueinander in Beziehung treten läßt. Und als sei dies noch nicht Hinweis genug darauf, daß es Bergman keineswegs um die Inszenierung eines bürgerlichen Lust- oder Trauerspiels gegangen sein kann, unterbricht er seinen Film mehrfach und läßt einen Kommentator auftreten, der die Handlungsfäden sortiert und auf markante Neufigurationen hinweist. Diesen Riß in der Diegese kennt man von Bergman bereits aus Filmen wie Die Stunde des Wolfs, Passion oder Von Angesicht zu Angesicht (bei letzterem ist es der filmische Apparat selbst, der den Plot ironisch aufbricht). Effekt dieser Manipulation ist eine erzwungene Reflexion, quasi ein Brechtscher V-Effekt, über das gerade Gesehene.

Insgesamt ist Die Jungfrauenbrücke also, auch wenn es in letzter Hinsicht um den Kampf mit dem Absurden geht, eine Komödie. Denn Bergman baut einerseits etliche burleske Szenen in seine Erzählung ein, bricht die Inszenierung irnoisch durch die eben beschriebenen Verfahren und schlägt dem (Film-)Teufel schließlich sogar selbst ein Schnippchen, indem er das gewünschte Resultat, den Ehrverlust Britt-Maries, doch noch erreicht und zwar ohne, daß sein Don Juan tätig werden mußte oder konnte. Das eigentlich Spannende des Films mündet genau in dieser Szene und der Frage, wie der Existenzialist Bergman eine derart göttliche/teuflische Komödie vollenden kann, ohne sein Ideal zu kompromittieren. Der Ausweg ist dialektisch in der Negation Camusschen Absurden zu suchen. Sein Don Juan hat sich am Ende verliebt. Ein hoher Preis, doch sein Erfolg bei Britt-Marie sollte seine höllischen Sisyphos-Qualen schließlich durch traumlosen Schlaf belohnen. Ihm ist zwar dasselbe gelungen, das sein Diener bei der Pfarrersfrau erreicht hat, aber der paradoxe Effekt (daß beide Frauen umso fester an die wahre Liebe zu ihren Ehemännern glauben) ist ein hoffnungsloses Plädoyer gegen ein Nichts, das durch die Sünde (Ehebruch, im Falle Pablos), die bloße Serialität (»Mille e tre«, im Falle Don Juans) repräsentiert ist. Insofern endet Die Jungfrauenbrücke für die menschlichen Protagonisten zwar tragisch, für Don Juan jedoch glücklich, denn: »Je mehr man liebt, um so mehr festigt sich das Absurde.« (Camus) Der ihm vom Teufel geschenkte Schlaf wird nämlich nicht traumlos sein. 1970-01-01 01:00

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