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Fragile – Hospital der Geister

Frágiles. E 2006. R,B: Jaume Balagueró. K: Xavi Giménez. S: Jaume Martí. M: Roque Baños. P: Castelao Producciones S.A. & Future Films Ltd. D: Calista Flockhart, Richard Roxburgh, Yasmin Murphy, Colin McFarlane u.a.
97 Min. Splendid ab 9.11.06

Sp: Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1). Ut: Deutsch. Bf: 2,35:1 anamorph. Ex: Featurette, B-Roll, Making of, Trailer u.a.

Jaume Balagueró wendet sich ein drittes Mal den Gespenstern zu

Von Stefan Höltgen Das Motiv der Schuld, die aus der Vergangenheit als Spuk in die Gegenwart zurückkehrt, ist virulent im filmischen Werk des spanischen Regisseurs Jaume Balagueró. Im Abstand von jeweils drei Jahren hat er 1999 The Nameless, 2002 The Darkness und nun Frágiles veröffentlicht. Und in allen drei Filmen geht es um die bedrohte Kindheit, an der sich die Erwachsenen schuldig gemacht haben. The Nameless behandelte die Untaten einer Sekte, die Kinder verschleppt; in The Darkness wird die Geschichte eines Haunted House erzählt, in welchem mehrere Kinder ermordet wurden und eines der Opfer an den Ort des Geschehens zurückkehrt. Frágiles schließlich spielt in einem Krankenhaus, das ebenfalls von einem Geist der Vergangenheit besessen zu sein scheint.

Dieses Krankenhaus soll abgerissen werden und deshalb sind die meisten Patienten bereits in eine modernere Klinik verlegt worden. Einzig auf der Pädiatrie gibt es noch eine Handvoll Kinder, die ein paar Tage später umgesiedelt werden sollen. Sie werden betreut von einem Arzt, zwei Krankenschwestern, einer Oberschwester und dem Hausmeister. Als die Nachtschwester Susan aus zunächst unerfindlichen Gründen einen Nervenzusammenbruch erleidet und die Klinik verläßt, wird für sie Amy Nichols eingestellt, die seit einem Behandlungsfehler nicht mehr als Krankenschwester gearbeitet hat. Schnell freundet sie sich mit den Kindern – vor allem der kleinen Maggie – an und lebt sich in den neuen Job ein. Doch auch in ihren Nachtwachen geschehen merkwürdige Dinge. Laute Geräusche kommen aus der Etage über der Pädiatrie, die jedoch seit Ende der 1950er Jahre nicht mehr genutzt wird. Maggie besteht darauf, daß dort oben ein Geist namens Charlotte lebt, der verhindern will, daß die Kinder die Klinik verlassen. Zunächst glaubt niemand an diese Geschichte, doch als unerklärliche Übergriffe auf die Kinder und das Personal immer häufiger und grausamer werden, beginnt Schwester Amy zu recherchieren und stößt dabei auf die Geschichte eines grausam zu Tode gekommenen Mädchens, das 1959 mit der Glasknochenkrankheit in die Klinik eingeliefert wurde.

Bugalerós Film ist heute nicht mehr rezipierbar, ohne das Gros vieler asiatischer Horrorfilme und deren westlicher Remakes zu berücksichtigen. Etablierten seine ersten beiden Geisterfilme noch eine neue Form europäischer, genau genommen spanischer Neo-Gothic-Novels, so ist Frágiles allenfalls ein blasser Nachhall dieses Projektes. Allen voran ist es die Versessenheit des Drehbuchs, eine temporeiche und mit Plottwist-Überraschungen gespickte Handlung erzählen zu wollen, die dem Projekt schadet. Da werden etliche Figurenentwicklungen (wie etwa ein Annäherungsversuch des Arztes an die Nachtschwester) lediglich angerissen und – weil sie oft völlig unmotiviert sind – wieder fallen gelassen. Zudem sind die Figuren, die nicht im Zentrum der Handlung stehen, zu holzschnittartig konzipiert: So gibt es »die« strenge Oberschwester, »den« stets skeptischen Arzt, »den« hilfsbereiten, freundlichen Hausmeister und so weiter. Gleiches gilt für die Kinder, die ja aufgrund ihrer Krankheiten nicht zusammen mit den anderen Patienten umgesiedelt wurden, sondern später in gesonderten Transporten das Krankenhaus verlassen sollen. Man sieht sie ausgelassen spielen und ständig wild umherlaufen – nur krank sieht man sie nie.

Was Frágiles auf der Bildebene zu einem recht gruselig inszenierten Geisterfilm macht, in dessen Zentrum die Schuldfrage aus der Vergangenheit und der Umgang mit ihr in der Gegenwart steht, wird auf der Handlungsebene zu häufig durch Unmotiviertheiten und altbackene Geisterfilm-Klischees gestört. Beinahe wirkt es so, als habe Balagueró seinen Film modular aus einem Best-of dereinst beliebter und erfolgreicher Genremotive zusammengestellt, die es durch ihre lockere Verbindung dem Zuschauer unmöglich machen, sich auf die Geschichte einzulassen und ihn stets auf einer für die Wirkung (eines Geisterfilms) unguten Distanz halten. Hier wäre dem Drehbuchautoren zu raten gewesen, sich einmal bei den asiatischen Kollegen umzuschauen, um die Struktur und Motive auf die Höhe der Zeit zu bringen. So aber muß man für Frágiles leider konstatieren, daß er den Anschluß an das eigene Genre eigentlich nicht bewältigt und selbst als Geisterfilm der Vergangenheit dasteht, der vergeblich versucht, seine Zuschauer in der Gegenwart heimzusuchen. 1970-01-01 01:00
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