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Hardcore

GR 2004. R,B: Dennis Iliadis. K: Thymios Bakandakis. S: Yorgos Mavropsaridis. P: Odeon, Zza, Ideefixe, NilmNet u.a.. D: Katerina Tsavalou, Danae Skiadi, Ioannis Papazisis, omiros Poulakis u.a.
96 Min. Legend ab 23.1.06

Sp: Deutsch (DD 5.1), Griechisch (DD 5.1). Ut: Deutsch. Bf: 1.85:1 anamorph. Ex: Deleted Scenes, Making of, Interviews, Musikvideo, Trailer u.a.

Two Girls and a Gun

Von Nicole Ribbecke Ihr Kopf wird gegen das Bettgestell gehämmert, während er sie von hinten nimmt. Nachdem er fertig ist, geht Nadia wieder hinüber in den schlauchartigen Raum, an dessen Seiten die anderen Prostituierten und Stricher darauf warten, einem Freier zugeteilt zu werden. Unter ihnen fristet Martha ihr Dasein, die Augen neidisch auf Nadia gerichtet, ist sie mit ihren siebzehn Jahren in apathischer Stagnation erstarrt. Nadia dagegen will mehr erreichen, sieht den Wartesaal als Zwischenstation zu ihren höheren Zielen. Die zwei Mädchen mit ihren kontrastierenden Charakteren und Vorstellungswelten tun sich zusammen, sie werden ein Paar, um dem abgewrackten Nuttendasein zu entrinnen. Nadia und Martha sind die Protagonistinnen des Films Hardcore – der Name ist Programm.

Von nun an begleiten wir die beiden charismatischen Darstellerinnen zu ihren durch den patriarchalischen Zuhälter in Farbkategorien (je nach Status) aufgeteilten Aufträgen, deren physische und psychische Ausbeutung durch Drogen gelindert wird. Die Darstellung der verschwendeten Jugend und verschwendeten Liebe wird immer wieder überraschend humorisiert: Wenn der sich ständig in Horoskopen äußernde Drogendealer durch Sätze wie »Heute ist ein guter Tag, um Investitionen zu tätigen« zum Konsum animiert, wie auch durch Marthas plötzlich eingeschobenen Wunschvorstellungen eines besseren Lebens oder die Anspielung auf eine amerikanische Hochglanz-Sitcom. Diese Parodie wiederum kann lediglich ein leicht beschämtes Lächeln entrücken mit dem Wissen um die Misere, die sich dahinter verbirgt. Fear and Loathing in Athen.

Ihre qualvolle Existenz wird kurzzeitig unterbrochen durch innehaltende Momente der harmonischen Zweisamkeit. Wenn sie sich mit glitzernden Kronen geschmückt in ihre eigene watteweiche Welt flüchten, in der sie Streichhölzer zu Wunderkerzen umfunktionieren. Oder wenn sie splitternackt und mutterseelenallein stillvergnügt am Meer in friedlichere Gefilde entschwinden. Warme Farben und weiche Zeichnungen der Szenen lassen sie kurzzeitig aufatmen zwischen den rauhen Eskapaden ihres Alltags. Diese temporären Fluchten können den Wahnsinn, der herrscht, allerdings nicht aufhalten. Blut muß fließen. Und das wird es auch.

Ein griechischer Film über Liebe, Eifersucht, Rache und Ruhm. Eine klassische Tragödie also, aus dem Land, in dem sie geboren wurde. Die alten Geschichten – in diesem Fall angereichert mit gleichgeschlechtlichem Sex, Drogen und TV-Shows. Nach der Vorlage eines in Griechenland erfolgreichen Buches und ohne amerikanische Produktionen kopieren zu wollen, kommt Hardcore mal absurd, mal schockierend als Rotlichtmilieudrama daher. Ein zwischen Exploitation und Underground angesiedelter Genrefilm der ungewohnten Art.

Dennis Iliadis entwirft eine tragikomische Geschichte mit philosophischer Poesie und knallhartem Realismus, eine schäbige, ekelhafte Welt aus ästhetisierten, durchgestylten Bildern. Die ehrliche Darstellung der beiden Haupt- wie auch der Nebenakteure tut ihr übriges, um den Anspruch auf eine mutig verstörende Provokation zu erfüllen. Dabei gibt sich Hardcore beinahe als Märchen aus. Aber auch nur fast: »Normalerweise haben Märchen eine klare Aussage. Man kann nicht jemanden lieben und ihn gleichzeitig auch nicht lieben. Für eins muß man sich entscheiden. Vielleicht war unser Märchen bereits beendet«. Schließlich geht die zwischenmenschliche Sinnlichkeit unter den beiden Frauen verloren, und das ist wohl noch das harmloseste, was man darüber sagen kann. 1970-01-01 01:00
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