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Jean-Luc Godard Collection No. 1

Die Außenseiterbande (F 1964), Eine verheiratete Frau (F 1964).
183 Min. UFA ab 30.10.06

Sp: Deutsch (DD 2.0), Französisch (DD 2.0). Ut: Deutsch. Bf: 1.33:1 Vollbild. Ex: Dokumentation "JLG/JLG - Godard über Godard", Kinotrailer.

Strandgut

Von Eleonóra Szemerey Mit dem Jahr 2005 hat, reichlich verspätet zwar, aber endlich doch noch eine neue Welle die Ufer des deutschen DVD-Marktes erreicht, und sie spülte, nach zaghaften Anfängen mit »Die Chinesin«, »Die Geschichte der Nana S.« und »Die Verachtung«, in 2006 bereits sieben Neuerscheinungen aus dem unfangreichen Werk Jean-Luc Godards an Land. Eine davon ist der drei Kompaktplatten umfassende erste Teil der »Jean-Luc Godard Collection«, der in einer eher willkürlichen Zusammenstellung, aber dennoch dankenswerterweise zwei frühe Werke des Meisters und einen Film aus dem Jahre 1995 mit deutscher Tonspur bzw. Untertiteln bietet, so daß man als Liebhaber nun kaum noch gezwungen ist, notgedrungen bei eBay – drei, zwei, eins – auf französische DVDs (eventuell mit englischen Untertiteln) zu bieten.

»Die Außenseiterbande« (1964) gehört zu den unbeschwertesten und eingängigsten Werken des jungen Jean-Luc Godard und ist der zehnte Langfilm des Nouvelle Vague-Auteurs seit seinem gerade einmal fünf Jahre zuvor entstandenen Kinodebüt »Außer Atem«. In einer heiteren Mischung aus Liebes- und Gangsterdramödie, spielerisch montiert aus Genreversatzstücken und kommentiert von einer ironisierenden, interpretierenden Offstimme, erzählt Godard von Odile, Frantz und Arthur, von Träumen, der großen Liebe und dem großen Geld. Augenzwinkernd läßt er seine Figuren Film noir spielen und Madison tanzen (alle, die schon immer mal den Ursprung des Clips zu »Dance With Me« von Nouvelle Vague sehen wollten, aufgepaßt!), eine den ganzen Film verstummen lassende Schweigeminute einlegen und den Louvre in der Rekordzeit von 9 Minuten und 43 Sekunden besichtigen. Dabei führt er vor Augen, daß sein Film kein fertiger, sondern ein werdender ist, daß alles hätte ganz anders passieren können, daß es sich auch bei der eher konventionellen Geschichte um nichts weiter als einen Versuch handelt. All dies hat er freilich sowohl inhaltlich als auch formal in früheren Filmen bereits überzeugender entwickelt und sehr viel gewagter umgesetzt, hat schon zwei Jahre zuvor mit »Nana S.« gekonnt vorgeführt, wie der Gang der Gedanken zu filmen ist – und tut es in seinem noch im selben Jahr folgenden Essay ebenso.

Als Beispiel früher Godard-Filme ist »Eine verheiratete Frau« (vor Eingreifen der Zensur sollte er »Die verheiratete Frau« heißen) eine sehr viel geschicktere und interessantere Wahl, denn er läßt besser verfolgen und nachvollziehen, wie der Auteur Mitte der 1960er filmisch denkt und arbeitet, und bietet zugleich Einblicke in gesellschaftlich brisante Themen seiner Entstehungszeit – nicht umsonst trägt er den Untertitel »Fragmente eines in 1964 gedrehten Films«. Die erzählte Geschichte – 24 Stunden im Alltag der zum zweiten Mal verheirateten, ungewollt schwangeren Charlotte zwischen Ehemann und Geliebten – verliert gegenüber der zunehmend explizit vorgetragenen Argumentation an Bedeutung. Eigentliches Thema des Essays sind Gedanken über Kommerzialisierung von Liebe und Sexualität, Omnipräsenz von Werbung und Konsum, über Gegenwart und Vergangenheit sowie die immer wiederkehrende Frage nach der Möglichkeit der Kommunikation zwischen Mann und Frau.

Die Bilder und Töne – die Rohstoffe, aus denen der Film besteht, wie Godard nicht müde wird zu betonen – lösen sich hier und da schon von Raum und Zeit der dramaturgischen Handlung und werden selbst zu Darstellungsmitteln erhoben. Die Erzählstruktur wird fragmentarisch, kreisend, mit offenem Ende, läßt abschweifende Bildzitate und Fremdtexte, bildfüllende Werbeanzeigen und die zensierte Tonspur ersetzende Untertitel, geflüsterte Monologe und spontane »ethnologische Interviews« zu. Eigenwillige Angriffe auf Konventionen, wie aus Werbeslogans bestehende Gespräche, das Bild umkippende Schwenks ins Hochformat, ungewohnt bis unangenehm lange, unveränderte Sequenzen auf Bild- und Tonspur oder der plötzliche Wechsel zwischen Positiv- und Negativbild verweisen auf das Medium und seinen Zeichencharakter. Die formalen Darstellungsweisen lassen die Idee des versuchten Films in der ersten Schaffensphase Godards immer deutlicher werden, betonen den Entstehungsprozeß, die Rolle des Auteurs sowie die des Zuschauers und ersetzen die Filmkontinuität durch eine Collage aus Bildern und Tönen. »Eine verheiratete Frau« ist ein Film, der noch nicht die Radikalität der bis 1968 folgenden Essayfilme erreicht, sich aber gerade deshalb hervorragend als Einstieg eignet.

Ganz im Gegenteil dazu ist die gut 30 Jahre ältere Zugabe »JLG/JLG – Godard über Godard« (1995) nur langjährigen Godard-Fans bzw. Kennern seiner filmischen Entwicklung vorbehaltlos zu empfehlen – zu leicht können die eigensinnige Form bzw. der subjektive Inhalt zu Unverständnis und Langeweile führen. Nach welcher Maxime dieses komplexe Selbstporträt für den ersten Teil der Kollektion ausgesucht und neben zwei Filmen aus den 1960er Jahren veröffentlich wurde, bleibt schleierhaft. Weder ist es geeignet, den folgenden filmischen Werdegang Godards angemessen zu veranschaulichen, noch steht es in engerem thematischen Zusammenhang mit einem der beiden frühen Werke – wenn man einmal davon absieht, daß alle Godard-Filme einen großen Teil Selbstreflexion enthalten.

Als weit fortgeschrittenes Produkt einer langen Entwicklung audiovisueller Ausdrucksformen rezipiert, bietet »JLG/JLG« allerdings hochinteressante Einblicke in Leben und Werk des Auteurs Jahrzehnte nach der Nouvelle Vague. Durch keinerlei Plot oder fiktive Figuren mehr eingeengt, entspinnt sich in einer knappen Stunde eine Collage aus bebilderten und vertonten Gedanken oder besser Gedanken in Bildern und Tönen, in denen die Figur des Filmemachers immer wieder schemenhaft als Spiegelung oder Silhouette, später auch direkt den Zuschauer adressierend auftaucht. Sein teils geflüsterter, teils gesprochener oder handgeschriebener Kommentar durchstreift leere Lebensräume und füllt sie mit persönlichen Ansichten, Assoziationen und Erinnerungen, doppelt und dreifach gebrochene Bilder thematisieren das Medium, Filme entstehen vor der Kamera. Altbekannte philosophische und kulturkritische Fragestellungen und Gedanken über Liebe und Grausamkeit kehren wieder, ebenso wie mit gewohnt brillantem, trockenem Humor eingeschobene Seitenhiebe – und selbst das blaue Notizbuch ist da.

Den DVD-Sammlern und Liebhabern der Nouvelle Vague bzw. Jean-Luc Godards sei die Kollektion hiermit also wärmstens empfohlen – und allen anderen, die schon immer mal sehen und hören wollten, wie man mit einem »caméra-stylo« Essays verfassen kann, ebenso. 1970-01-01 01:00

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