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Flash Gordon

USA 1980. R: Mike Hodges. B: Lorenzo Semple Jr., Michael Allin. K: Gilbert Taylor. S: Malcolm Cooke. M: Queen, Howard Blake. P: De Laurentiis Entertainment, Universal u.a. D: Sam J. Jones, Melody Anderson, Max von Sydow, Topol u.a.
111 Min. Kinowelt ab 15.6.04

Sp: Deutsch (DD 2.0), Englisch (DD 2.0). Spanisch (DD 1.0). Ut: Deutsch, Englisch, Spanisch. Bf: 2,35:1 anamorph. Ex: Trailer.

Besser als Jesus, und blond

Von Daniel Bickermann Manche Filme erfüllen den Zuschauer noch dreißig Jahre später mit ungläubigem Staunen. Gab es wirklich einmal eine Zeit, als sich aufstrebende Hollywoodstars wie Ornella Muti und Timothy Dalton neben Oscar-Lieblingen wie Max von Sydow oder (dem zu Unrecht in Vergessenheit geratenen) Topol in solchen knallbunten Plastikfilmchen austobten? Mehr noch: Wie kam es dazu, daß all diese großen Namen sich mit Nebenrollen begnügten, während die großen Scheinwerfer auf talentfreie Schönlinge wie Sam Jones oder Melody Anderson ausgerichtet wurden?

In vielerlei Hinsicht ist der heute eher berüchtigte Flash Gordon-Film eine erste, markante Wegmarkierung der Postmoderne. Im Fahrwasser der Neuentdeckung von 1930er-Jahren-Serials und interplanetaren Abenteuern durch die New Hollywood-Generation, angeführt von Spielbergs Jäger des verlorenen Schatzes und Lucas' Krieg der Sterne (aber eigentlich natürlich initiiert durch die zahllosen Schaumstoffabenteuer aus der unermüdlichen Produktion von Roger Corman), arbeitete sich der Produzent Dino de Laurentiis an bombastischen Fantasy- und SciFi-Epen ab. Aber während seine Dune-Verfilmung unter der Ägide von David Lynch in edler Größe scheiterte und John Milius' Conan-Filme belangloses Formelkino blieb, setzte (zumindest rückblickend) Mike Hodges' Interpretation des Flash-Gordon-Comics trotz oder gerade wegen seiner offensichtlichen Ziellosigkeit und ungezügelten Selbstironie Zeichen für die Zukunft des Genres.

Sicher, zu seiner Zeit wurde der Film verlacht, und aus gutem Grund: Sam J. Jones kann nicht einmal eine Bewußtlosigkeit glaubhaft spielen, und Melody Anderson wurde viel zu offensichtlich als reiner Augenschmaus gecastet. Zudem beulen und eiern die Hartplastikkostüme doch verdächtig, und das Drehbuch erinnert an selige »Lego Raumfahrt«-Improvisationen im Grundschulalter. Aber nach über dreißig Jahren kommt man nicht ganz umhin, die vermeintlichen Fehler als wohlkalkulierte Respektlosigkeiten umdeuten zu wollen. Zu gekünstelt nestelt der megalomanische Ming an seinem magischen Siegelring herum; zu hanebüchen stolziert der uramerikanische Footballstar und Multimillionär Flash (seinen eigenen Schriftzug auf dem knappen Muskelhemd prangend) durch eine Welt, von der er sichtlich kaum etwas kapiert; zu lustvoll schmiert Topol seinen verrückten Wissenschaftler mit jedem denkbaren Akzent zu; zu witzig sind die hanebüchenen Hochzeitsschwüre des Weltraumdespoten mit seiner menschlichen Sexsklavin; und vor allem – sprechen wir es endlich aus – zu schwul krawummt die treibende Männersauna-Musik von Queen.

In dem klebrigen, wagemutigen, zutiefst originellen Soundtrack spiegelt sich der ganze Film und alles, was ihn heute so besonders macht: der Mut zum ehrlichen Pathos, aber gleichzeitig auch zur hemmungslosen Schmiere; die Schwankung zwischen größtmöglicher Bombastik und triumphaler Selbstironie. Trotzdem bleibt die Musik immer mitreißend und kostet alle sexuellen Untertöne, die wie Fallstricke über den ganze Film verteilt sind, genüßlich aus. Voller Widersprüche und Gegenläufigkeit stecken die vom Schlagzeuger Roger Taylor angepeitschten Trommelfeuerrhythmen, voller Inbrunst und keifender Aggressivität der Gesang von Freddy Mercury, dessen skurriler Text den Titelhelden immer wieder als »Heiland des Universums« lobpreist. Der Originalität sind hier keine Grenzen gesetzt: Kampfsequenzen werden mit pulsierendem Hardrock unterlegt, der Hochzeitsmarsch mit jaulenden E-Gitarren nachgespielt, selbst vor der Verwendung von Fanfaren schrecken diese gesetzlosen Rocker nicht zurück. Es ist weniger ein Ohrenschmaus als vielmehr ein überbordender inspirierter Wahnsinn, der nicht nur als Geburtsstunde der Glamrockfilmmusik gelten muß, sondern auch mit seinem exzessiven Einsatz von Synthesizern wie ein schillernder Vorbote zu Vangelis' späterem Dreamscore zu Blade Runner erscheint.

Mit ganz ähnlichen Drogen hat wohl auch der Gesamtdesigner Danilo Donati gerade experimentiert, als er die Sets und Kostüme entworfen hat. Aus der Kombination überwältigender Matte Paintings auf der einen Seite und mitleiderregenden Spezialeffekten hart an der Ed-Wood-Grenze auf der anderen ergibt sich ein visueller Stil, der scheinbar ohne Reibungsverlust zwischen moderner Opernbühne und Kaugummipapierchenästhetik ständig hin- und herwechselt: Bösewichte rauchen und/oder schmelzen, wenn man sie tötet, die psychedelischen Kostüme spielen mit Zitaten von Nazi-Uniformen über die Robin Hood-Ikonographie bis zu signalfarbenen Kegelmenschen, und die Hintergrundgemälde ersaufen in ihren eigenen Wasserfarben.

Letztlich ist Flash Gordon aber vor allem ein gutes Stück amerikanischer Sexfantasie, und daraus speist sich wohl auch sein Charme, weil die Zeiten, da sich die USA als Kollektiv dem Sex, der Fantasie oder einer sonstigen Ausschweifung hingaben, längst vergessen scheinen. Der blonde Dolph-Lundgren-ohne-Muskeln-Verschnitt, der sich intergalaktischen Schreckensherrschern gerne mit »Flash Gordon, Quarterback der New York Jets« vorstellt und an dessen Schulter alle Frauen (außerirdische wie mitgebrachte) reihenweise dahinschmelzen, ist Imperialismus in seiner klobigsten und somit liebenswertesten Form. Ach, die Zeit, als Männer noch behaart waren und in engen Shorts zur Exekution geführt wurden, und als die Damen bei diesem Anblick noch in Ohnmacht fielen (und man nicht genau wußte, ob wegen der Exekution oder der Shorts).

Und wo sind all diese Menschen heute? Danilo Donati erinnerte sich daran, wie er mal zwei Oscars gewonnen hatte und kehrte zurück zu seiner Zusammenarbeit mit italienischen Träumern wie Fellini, Pasolini und später Benigni. Hodges mußte sich die kommenden Jahrzehnte mit Filmchen wie Morons from Outer Space herumschlagen (deutsch: Space Cracks – Die irre Bruchlandung der Außerirdischen), bevor er Ende der 1990er Jahre Clive Owen als Leading Man entdeckte und mit ihm endlich zur alten Get Carter-Form zurückkehren konnte. Sam J. Jones war für seine wahrhaft unterirdische Performance der erste große Favorit auf die 1980 frisch gegründete Goldene Himbeere, posierte nackt für »Playgirl« und ist dem deutschen Fernsehfreund dank RTL vor allem als Highwayman in Erinnerung geblieben. Timothy Dalton wurde ein grimmiger Bond (leider zwanzig Jahre, bevor das gewünscht wurde) und dann ein Dauergast in TV-Mehrteilern mit Sandalenquote. Und Melody Anderson hat nach vielen Fernsehrollen die Schauspielerei an den Nagel gehängt und ist heute als Drogenberaterin in New York tätig. Manchmal ist die Realität noch bunter, verwirrender und schöner als jedes SciFi-Epos. 2007-12-13 21:24

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