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Exiled

Fong juk. HK 2006. R,B,K: Johnnie To. B: Szeto Kam Yuen, Yip Tin Shing. K: Cheng Siu Keung. S: David Richardson. M: Dave Klotz, Guy Zerafa. P: Media Asia Films Ltd., Milky Way Image Company u.a. D: Nick Cheung, Roy Cheung, Francis Ng, Simon Yam u.a.
104 Min. Kinowelt ab 6.7.07

Sp: Deutsch (DTS 6.1 ES, DD 5.1), Kantonesisch (DD 5.1). Ut: Deutsch. Bf: 2.35:1 anamorph. Ex: Making of, Fotogalerie, Trailer u.a.

Der Gnadenschuß für den Eastern

Von Ralf Heußinger Der Western starb schon viele Tode. Einen der berühmtesten und markantesten erlitt er 1969 mit Sergio Leones C'era una volta il West. Die Einzelkämpfer und Revolverhelden haben sich gegenseitig umgebracht, die Eisenbahnlinie zum Pazifik ist fast geschlossen, der umkämpfte Westen auf dem besten Wege zur Befriedung. Am Ende gibt Claudia Cardinale das sorgende Weib, das den durstigen Bahn-Arbeitern Wasser reicht.

Danach kam nicht mehr viel in einem Genre, das den Gründungsmythos einer Nation tausendfach aufgerollt hatte. Der Italowestern beschrieb pessimistisch den Verlust jeglicher Moral, während in Hollywood altersschwache Helden gequält ihre letzten Schüsse abfeuerten. Der Kampf um das Territorium, um Recht, Macht, Zivilisation und Wildnis ging in anderen Genres auf. Im Großstadtthriller etwa, zu dem auch der Hong Kong-Actionfilm zu zählen ist. Doch mit Exiled von Johnnie To hat auch dieses Genre einen Endpunkt erreicht. Die Helden haben sich gegenseitig ausgelöscht, die Zukunft liegt in den Händen einer Frau.

Exiled, der jetzt in Deutschland als Erstveröffentlichung auf DVD erschienen ist, liefert eine Variation von Sergio Leones Fabel, manchmal ernst, manchmal ironisch, oft irgendwo dazwischen und im Grunde eine Hommage an das Œuvre des Italieners. Der Film schwelgt in pathetischen Bildern von Macau, die koloniale Vergangenheit der Halbinsel westlich von Hong Kong mit ihrer zerfallenden Architektur liefert einen morbiden Charme. Eine melancholische Stimmung der Décadence liegt über der Handlung, die die Figuren aus Tos Klassiker The Mission wieder aufgreift und deren Geschichte bis zum tödlichen Ende weiterspinnt.

Blaze, Fat, Tai und Cat, die vier Jugendfreunde, die zu Auftragskillern wurden – zu Einzelgängern, die ziellos durchs Leben streifen – warten vor dem Haus ihres Ex-Kumpanen Wu. Zwei wollen ihn töten, zwei ihn beschützen. In C'era una volta il West rollt schließlich, nach endlosem Warten, ein Zug ein. Hier tuckert Wu mit einem alten Lieferwagen über einen Hügel. Er hat ein neues Leben begonnen, mit Frau und Kind. Wus Tod ist besiegelt, aber um die Zukunft der Familie zu sichern, schließen sich die Jugendfreunde zu einem letzten Coup zusammen.

Hier kommt Moral ins Spiel und Verantwortungsbewußtsein. Dennoch bleiben die Männer in Tos Film verirrte Seelen, die sich ziellos treiben lassen. Und wenn sie nicht mehr weiterwissen, werfen sie eine Münze. »Marionetten«, so hat der Regisseur seine Killer und Gangster selbst einmal genannt. Und während sie sich immer mehr in einem wüsten Niemandsland verlaufen und nach langer Durststrecke endlich auf Wasser stoßen, schwellt die Musik zu Westernklängen mit Mundharmonika und Gitarre an.

Exiled ist ein Hong Kong-Western, ein Eastern im reinsten Sinne und visuell vielleicht das reifste Werk von Johnnie To bisher. Ausgerechnet dieses Meisterstück hat es nicht in die reguläre Kinoauswertung in Deutschland geschafft. Auf DVD immerhin läßt sich die visuelle und erzählerische Kraft erahnen. 1970-01-01 01:00

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