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Deadwood – Complete Collection

Deadwood. USA 2004-2006. R: Edward Bianchi, Daniel Minahan u.a. B: David Milch u.a. K: James Glennon, Joseph Gallagher u.a. S: Elizabeth Kling, Stephen Mark u.a. M: Reinhold Heil, Johnny Klimek u.a. D: Timothy Olyphant, Ian McShane, Molly Parker, Brad Dourif, W. Earl Brown u.a.
1820 Min. Paramount ab 3.4.08

Sp: Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1), Französisch (DD 2.0 DS). Ut: Deutsch, Englisch, Englisch für Hörgeschädigte, Spanisch u.a. Bf: 1.78:1 anamorph. Ex: Keine.

Düster, dreckig, endlich in Deutschland

Von Daniel Bickermann Es gibt da diesen Chinesen, der Mr. Wu heißt und nur ein einziges Wort englisch spricht: »Cocksucker!« Derzeit benutzt er es recht häufig, denn irgendwer hat seinem Opium-Kurier die Kehle durchgeschnitten und den ganzen Stoff geklaut. Also geht Mr. Wu zum großen Organisator Al Swearengen und verlangt Gerechtigkeit. Oder zumindest versucht er, ihm mit Hilfe einer Zeichnung, hektischer Gestik und einem ausgiebigen Gebrauch seines Ein-Wort-Vokabulars den Sachverhalt darzulegen. Swearengen versteht schließlich und findet den Schuldigen, der daraufhin verprügelt, ersäuft und schließlich den Mastschweinen von Mr. Wu zum Fraß vorgeworfen wird.

Willkommen in Deadwood, einem gesetzlosen Goldgräbernest tief im amerikanischen Westen anno domini 1876, wo sich absurde Komik, drastische Gewalt und übelste Schimpfwörter die Hand reichen. Das mit dem »gesetzlos« ist übrigens nicht nur so eine Phrase: Laut Vertrag gehört das Gebiet den Indianern, selbst die US-Regierung will diese Siedlung unbedingt räumen lassen, aber das Gold bezahlt viele Bestechungsgelder, und die Kavallerie wird hier nicht freundlicher begrüßt als die »dirt-worshipping heathens« auf den umliegenden Hügeln. In Deadwood treffen sich die Ausgestoßenen der Gesellschaft auf der Flucht vor dem Galgen oder auf der Suche nach dem schnellen Reichtum, meistens beides. Wer klug ist, der kann hier mit Opiumhandel, Prostitution, Glücksspiel, Räuberbanden oder Bestechungsgeschäften sehr schnell reich werden. Wer dumm ist, kriegt ebenso schnell Ärger und endet als Futter für die Schweine von Mr. Wu – allein in den ersten zwölf Folgen ereilt dieses Schicksal sechs oder sieben Bewohner, noch mal so viele haben die ungleich größere Ehre, nach ihrem gewaltsamen Ableben wenigstens auf dem provisorischen Friedhof beigesetzt zu werden. Al Swearengen, das heimliche Haupt der Kommune, ist Bordell- und Saloonbesitzer und wird von Ian McShane mit solchem Verve und schwarzem Humor gespielt, daß sich beim Zuschauer Faszination, Furcht und Bewunderung stets die Waage halten. Ein Charakter wie er kommt nur alle paar Jahre mal an die Oberfläche: ein brillanter Geschäftsmann, der den Goldgräbern mit Glücksspiel und Huren ihre ausgebuddelten Nuggets wieder abnimmt; ein skrupelloser Verbrecher, der keine Angst davor hat, sich selbst die Hände schmutzig zu machen; gleichzeitig aber auch die einzig stabile Stütze dieser wackligen Gesellschaft, die er hinter den Kulissen mit Schmiergeldern, Drohungen und einigen guten Worten am Laufen hält. Um es mit Tarantino zu sagen: Er ist vielleicht ein Mistkerl, aber er ist kein verdammter Mistkerl.

Die restlichen Charaktere versuchen einzeln oder vereint, Swearengen wenigstens einen rudimentären Bodensatz an Humanität abzuringen: Der legendäre William Sanderson zum Beispiel, der mit hinreißender Tollpatschigkeit den Hotelbesitzer E.B. Farnum spielt, oder der ewige B-Film-Übermensch Brad Dourif, der als abgerissener, aber gutherziger Arzt als einziger so etwas wie Prinzipien hochhält. Das wahre Juwel in der mit Kinogrößen wahrlich nicht geizenden Besetzung aber ist die unvergleichliche Newcomerin Robin Weigert, die als Calamity Jane so ausgiebig säuft und flucht, daß selbst die ungewaschenen Goldgräber verständnislos den Kopf schütteln.

Wer dreht solche Serien? Richtig: HBO dreht solche Serien. Der amerikanische Pay-TV-Sender revolutioniert seit einigen Jahren die Fernsehlandschaft, sei es mit den »Sopranos«, »Six Feet Under« oder »Angels in America«: Man läßt den Kreativen freie Hand, man heuert meisterhafte Kinoregisseure und -schauspieler an – und man schlägt jedes amerikanische Tabu kurz und klein. Bisher auf dem Programm: Die Alltagssorgen eines Mafiabosses aus New Jersey, der Mitglieder der eigenen Familie umbringen läßt, zwischendrin der pubertierenden Tochter Hausarrest gibt und anschließend reuig zur Psychiaterin stapft; oder wie wäre es mit den Irrungen und Wirrungen in einem kleinen Bestattungsunternehmen in L.A., wo von Homosexualität über Drogenkonsum bis zu geriatrischem Sex kein Stein des Anstoßes auf dem anderen bleibt; oder doch lieber das radikal-nichtchristliche Schwulen- und Engelsdrama um AIDS und Politik im New York der Reaganomics?

Wie bei diesen Beispielen fällt auch für »Deadwood« eine Kategorisierung schwer. Das Gefühl einer Western-Serie will einfach nicht aufkommen, dafür sind die Charaktere zu ambivalent, die Handlung zu brutal und die Stimmung zu unpathetisch. »Deadwood« vereint statt dessen Elemente einer Polizei-, Politik-, Familien- oder Mafiaserie (die Unterschiede zwischen diesen Formen verschwimmen ja ohnehin zusehends), berührt aber auch wie selbstverständlich Liebesgeschichten, Sozialdramen oder Rassen- und Behinderungsproblematiken. Als tatsächliches charakterisierendes Erkennungsmerkmal für »Deadwood« aber muß diese Sprache Erwähnung finden, die der geniale David Milch in einer scheinbaren Mischung aus Shakespeare und Schimpfwörtern zusammengebraut hat – ein Fanforum im Internet hat kürzlich stolz berichtet, in einer durchschnittlichen 55-Minuten-Folge von »Deadwood« würden volle 7 Minuten nur auf »fuck«, »cunt«, »shit« und vor allem »cocksucker« verwendet. Trotzdem fällt die rhythmische Flüssigkeit und Poesie des Dialogs auf; und da vor allem aus dem Mund von Ian McShane jeder noch so profane Satz klingt wie die feinste britische Lyrik der Jahrhundertwende, ist natürlich die englische Tonspur Pflicht. Die Ausdruckskraft dieser Serie gleicht einer televisionären Revolution.

In dieser unnachahmlichen und kaum zu übersetzenden Sprache muß wohl auch der Grund dafür gesucht werden, daß diese mehrfach preisgekrönte, in gleichen Maßen ergreifende, brutale und komische Serie immer noch nach einem deutschen Sender sucht. Auch dieses Problem verbindet »Deadwood« mit seinen HBO-Vorgängern, von denen immerhin »Six Feet Under« ein bescheidenes Nischenplätzchen bei Vox gefunden hat, nachdem sowohl »Sopranos« als auch »Angels in America« zu lächerlichen Nachmitternachtszeiten beim ZDF verbraten wurden. Dem DVD-Käufer kann's egal sein: Endlich wieder kluge Fernsehunterhaltung! Unbedingt anschauen! 1970-01-01 01:00

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