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Dead Simple

I'll sleep when I'm dead. GB/USA 2003. R: Mike Hodges. B: Trevor Preston. K: Michael Garfath. S: Paul Carlin. M: Simon Fisher-Turner. P: Mosaic Film Group, Revere Pictures, Will & Company. D: Clive Owen, Charlotte Rampling, Malcolm McDowell, Jonathan Rhys-Meyers u.a.
99 Min. VCL ab 14.10.05

Sp: Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1). Ut: Keine. Bf: 1.85:1 anamorph. Ex: Keine.

The man

Von Tina Hedwig Kaiser Mike Hodges hat der Gestalt des einsamen britischen Gentleman-Gangsters den Weg bereitet: Mit Get Carter sollte er einst das Genre revolutionieren. Der Gangster Nr.1 wäre ohne ihn heute nicht denkbar. Es ist der Anzug, es sind die Manschettenknöpfe, es sind die Gesten – der noble Gangster will eigentlich nicht tun, was er tut, aber, well: noblesse oblige. Nach Michael Caine, dem Schauspieler, der die perfekte Inkarnation all dieser widersprüchlichen Dinge für Hodges geschaffen hatte, stellt sich natürlich die Frage, ob es jemals einen anderen geben könnte. Die ungemein englische Mischung aus Understatement, gewieftem Boys-Humor und weltmännischer Zuverlässigkeit ließ sich hier finden, und heldenhafte Geradlinigkeit allein war schlußendlich nicht das Ding, das gefragt war.

Und so ist es nun auch anders gekommen: Clive Owen ist nicht Michael Caine – »Nerven wie Drahtseil« zwar allemal, gute englische Schule auch, aber einzig, doch natürlich nicht gering zu schätzen, gekoppelt mit einer weichen, ehrlichen und äußerst souveränen Sanftmut im Ausdruck. Der Witz Caines geht ihm dabei leider ab. Hier ein verschmitztes Grinsen und die Verweigerung vor jeglichen tieferen Gefühlsäußerungen – mögen sie auch noch so sehr vorhanden sein, dort doch eher der traurige Blick des gehetzten Tieres, das Leiden ob der Erinnerung – schlicht der vielleicht etwas schwächere, doch zumindest offensichtlichere Part. Schöner ist's, wenn man's nicht sieht – würde die Caine-Partei sagen…

Und doch: die BMW-Kurzfilme der letzten Jahre, die von den verschiedensten Meister-Regisseuren als Auftragsarbeiten ausgeführt wurden und meist, wie könnte es anders sein, ihren Kern rund ums Auto, Autofahren und das »mit dem Auto leben« entwickelten, haben auch Clive Owen als den Fahrer, ja als »the man« im Zentrum aller Ereignisse: der zuverlässige, hochkonzentrierte Spezialist, der durch nichts abzulenken ist. Nahezu eine Michael Mann-Figur. Und genau das ist es, was Hodges in seinem neuen Film verhandelt: »A man's got to do what a man's got to do!« und die Frage nach dem Danach. Nach der Arbeit, der Arbeitsmoral – man denkt an Tom Cruise und Robert de Niro bei Mann: die einsamen arbeitende Wölfe, die nur ihrer eigenen Linie und ihrem Instinkt treu bleiben können, komme was wolle – und die kurzzeitige Frage nach einem Leben jenseits davon. Und selbst hier schließt sich die nächste Parallele an: Michael Caine als Charlie in The Italian Job war einst das große Mastermind aller Verfolgungsfahrten, das einer ganzen Gang die Zeit, die Wege und die Fluchten ansagte. Und das, so konzentriert und charmant, wie es nur selten geht, auch gerade trotz der größten Ablenkungen.

In Get Carter und auch in Dead Simple geht es also um die Rückkehr des Profikillers. Eine Rückkunft an seine privaten Wurzeln – der Familie und der Liebe, und um Rache am Ausgangspunkt, dem Londoner Untergrund. Für seinen Bruder und das eigene verpfuschte Leben. Und um den inneren Frieden vielleicht endlich wieder zu finden. Dabei kann nur Malcolm MacDowell im Wege stehen. Der einzig wahrhafte genüßlich-böse Gangster Nr. 1 – die andere Seite sozusagen.

Der Wiedererkennungseffekt Caine – Owen allein kann es also nicht gewesen sein. Nein, denn Owen ist der erste wirklich sanfte Gangster, der dem vermeintlich älteren alter ego MacDowell, das eben keines ist bzw. sein darf – da ja der innere Frieden gewünscht wird – nach Jahren des alleinigen Regimes beim standesgemäßen Abtreten hilft. Und zudem ist Owen der Killer, der rächt, damit er dann wieder in Ruhe im walisischen Wald sitzen kann. Denkt er.

MacDowell geht es in all seinen Verbrechen immer wieder um selbstgenügsame Machtdemonstration, doch sie verbergen nur die eigentliche Tragödie: ein gefallener Engel – stärker als alle anderen, denn er schleppt seinen eigenen Horror beständig mit sich herum und formt ihn zum eigenen Ansporn. Der das »Nie-erlöst-sein« in Kauf für seine Macht genommen hat. Daß er dabei im Laufe des Films für den Tod des jüngeren Bruders von Owen verantwortlich wird, ist für ihn ein nicht mehr zu lösendes Problem, das ihm eigentlich im erreichten Alter nur gelegen kommen kann. Er ist derjenige, der plant.

Owen tut also, was er tun muß, und macht sich so, natürlich ohne es zu wollen, zum Gangster Nr.1 bzw. wird dazu gemacht – von MacDowell selbst. Allerdings aus dem von ihm als ausführenden Rächer selbst zuerst völlig unakzeptierten und unerkannten Grund, daß er es ist – the man. Das wissen alle in der Stadt, nicht erst seit dem Moment, als sich seine Rückkehr wie ein Lauffeuer herumspricht. Und spätestens dann, als er sich seines waldmännischen Bartwuchses entledigt und kurz vor der Tat Friseur und Anzug rufen läßt, wird dies auch uns klar. Die Manschettenknöpfe kommen, der Parka wird abgelegt – und die Knarre sowie das Understatement kehren zurück. Gewalt, Stil, Genuß und Leiden finden sich endlich wieder. Es konnte also nie nur um den Vergleich Owen – Caine gehen, sondern auch um jenen Owen – MacDowell. Das Tragische der Nr.1 braucht manchmal eben doch den traurigen Blick. Doch eben nicht immer. Caine gibt es ja auch noch. 1970-01-01 01:00

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