— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Cinema 16 – American Short Films

The Lunch Date (USA 1989). Freitheit (USA 1966). Daybreak Express (USA 1953), Vincent (USA 1982) u.a.
209 Min. Rough Trade ab 13.10.06

Sp: Englisch (DD 2.0), Ut: Deutsch, Französisch, Italienisch, Japanisch, Spanisch, Bf: Diverse. Ex: Audiokommentare.

Kurzfilme lange atmen lassen

Von Daniel Bickermann Nachdem die britische Reihe »Cinema 16« schon einen Blick auf die Kurzfilmtraditionen des Vereinten Königreichs und des kontinentalen Europas (siehe »Schnitt«-Ausgabe 35) geworfen hat, erscheint nun auch in Deutschland die dritte Sammlung, diesmal mit amerikanischen Kurzfilmen. Daß ausgerechnet diese DVD zum Kronjuwel der bisherigen Editionen gerät, muß auf den ersten Blick überraschen: Es ist schließlich weitläufig bekannt, daß ein Großteil der Kurzfilme von US-Filmstudenten nur noch als Promo-Clips konzipiert werden, um eventuell zusehenden Hollywoodbossen ihre handwerklichen Fähigkeiten zu beweisen (nicht selten steht eine kohärente Handlung dabei weniger im Vordergrund als eine Reihe möglichst blitzsauber inszenierter Actionsequenzen oder stilistischer Fingerübungen). Umso faszinierender ist es, noch einmal die einst blühende Kurzfilmtradition der Vereinigten Staaten und eine ganze Reihe aktueller Nachfolger derselben zu begutachten, denen es zwar nicht gelingt, die Fußstapfen einer Maya Deren oder eines DA Pennebaker zu füllen, die dafür aber einen ganz eigenen, ungleich verspielteren Tonfall zu bieten haben. Das Nebeneinander dieser vielfältigen Stile auf fast immer gleichbleibend hohem Niveau ist die Stärke dieser neuen Zusammenstellung (bei der streckenweise überragenden kontinentaleuropäischen »Cinema16«-Ausgabe mußte man die Qualitätsschwankungen noch als Mangel beklagen).

Natürlich war es auch hier ein wagemutiges Unterfangen, eine jahrzehntelange und stilistisch weitverzweigte Tradition auf eine einzelne DVD zu pressen, und natürlich gibt es auch dieses Mal wieder Zweifel an den Auswahlkriterien anzumelden. Wie schon in den beiden Vorgänger-DVDs tummeln sich große Namen des Autorenkinos neben reinen Kurzfilmspezialisten. Und wie schon bei der britischen und europäischen Sammlung schneiden die berühmten Regisseure dabei erschreckend schlecht ab – bloß weil einer grandiose Gesellschaftsdramen oder furiose SciFi-Epen drehen kann, ist er eben noch lange kein brauchbarer Kurzfilmer. Der Gedanke ist nicht ganz von der Hand zu weisen, daß auch hier wieder versucht wurde, durch die Aufnahme früher Kurz- und Studentenfilme bekannter Hollywoodgrößen wie von George Lucas, Alexander Payne oder Todd Solondz eine Publicity zu gewinnen, die allein durch die hochwertigen Filme der unbekannten Regisseure wie Adam Davidson, Joe Nußbaum oder Rawson Marshall Thruber wohl nicht hätte erreicht werden können. Dabei haben die drei erstgenannten die schwächsten Beiträge dieser Zusammenstellung geliefert und die drei späteren die herausragendsten Überraschungen.

Wer also faszinierende Frühentwürfe späterer Meister erwartet, wird milde enttäuscht. Wer dagegen eine Art »Best of« des amerikanischen Kurzfilmschaffens der letzten 50 Jahre sucht, findet hier eine Fülle unentdeckter oder auch schon bekannter Perlen. Tim Burtons (von Disney produzierte!) noch immer unerreichte Edgar-Allen-Poe-Hommage Vincent beispielsweise war schon auf unzähligen Kurzfilmabenden, im Fernsehen und natürlich im Internet zu sehen – trotzdem begeistert der Enthusiasmus dieses kleinen Animationsmeisterwerks zwischen Gothic Horror und Kinderstube noch heute. Auch der vielfach preisgekrönte Klassiker The Lunch Date mit seinem nüchtern-magischen Stil und seiner unwiderstehlichen Sozialsatiren-Pointe ist inzwischen vielfach zitiert und imitiert worden. Dagegen war der anarchische Terry Tate: Office Linebacker, eine exakt ausgekostete Bürosatire über die motivationalen Vorteile, einen brutalen American-Football-Spieler auf den Fluren eines Großkonzerns postiert zu haben, in diesen Gefilden bisher ebensowenig zu sehen wie die urkomische Zitat-Wundertüte George Lucas in Love, der man selbst beim zehnten oder zwanzigsten Ansehen noch neue Insiderwitze auf der Bild- oder Tonspur entlocken kann.

Auch stilistisch wird hier wieder wild durchmischt. Neben zwei ausgezeichneten Kurzdokumentationen (die collagenhaft gefilmte und melancholisch erzählte Säuferstudie Terminal Bar und das traumwandlerische Jugendporträt Paper Boys von Thumbsucker-Regisseur Mike Mills) und einigen Animationsfilmen (wie dem eindringlichen The Wraith of Cobble Hill) tummelt sich auch einer der berüchtigten »Screen Tests« von Andy Warhol in der Packung, die sicher nicht jedermanns Geschmack sind, aber durchaus zum Kanon gehören. Dazu kommen die Rückgriffe in die Filmgeschichte mit Maya Derens legendären Meshes of the Afternoon und dem noch heute seltsam berührenden Daybreak Express von DA Pennebaker. Man merkt schon: Das Fehlen jeglicher nachvollziehbarer Ordnung beziehungsweise irgendeiner Gesamtdramaturgie führt auch in dieser Sammlung wieder zu extremen zeitlichen und stilistischen Sprüngen, so daß man kaum mehr als zwei oder drei der Filme am Stück konsumieren kann, ohne mehrere Heiß-Kalt-Schocks durchleiden zu müssen.

Doch trotz solch holpriger Unausgewogenheit und der einen oder anderen Enttäuschung überwiegen auf dieser DVD die zurecht klassischen Momente des US-amerikanischen Kurzfilmschaffens, die diese Zusammenstellung zugleich sowohl zu einem idealen Einstieg ins Kurzfilmgenre machen als auch zu einem Muß für Sammler und Liebhaber. Und Kurzfilme solchen Kalibers sollte man ja sowieso nicht en bloc schauen, sondern jeden einzelnen davon lange atmen und wirken lassen. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

Sitemap