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Aki Kaurismäki Collection 1-4

Schatten im Paradies (FIN 1986), Ariel (FIN 1988), Das Mädchen aus der Streichholzfabrik (FIN/S 1989) u.a.
970 Min. Pandora ab 8.12.06

Sp: Englisch (DD 2.0), Finnisch (DD 2.0), teilweise Deutsch (DD 2.0). Ut: Deutsch, Französisch. Bf: Diverse. Ex: Diverse.

Gepriesen seien die Siechen

Von Eleonóra Szemerey Bei Pandora Film ist ein Großteil des Gesamtwerkes von Aki Kaurismäki in vier DVD-Boxen erschienen.

Es gibt wohl kaum einen weiteren zeitgenössischen Regisseur, der zurecht mit so vielen und so unterschiedlichen Vorbildern in Verbindung gebracht wurde, wie Aki Kaurismäki. Sowohl er selbst als auch seine Kritiker konstatieren immer wieder Einflüsse Dreyers und De Sicas, Sirks und Capras, Buñuels und Bressons, Ozus und Godards – um nur einige zu nennen – auf das Werk des im Selbststudium an Helsinkier Kinos ausgebildeten Filmemachers. Anfügen lassen sich Hinweise auf das amerikanische B-Movie, den italienischen Neorealismus, die französische Nouvelle Vague oder den befreundeten Independent-Filmer Jim Jarmusch. Der ästhetische Bogen erstreckt sich vom Stummfilm bis über die neuen Wellen hinaus – selbst auf den frühen Zombiefilm wird gegebenenfalls verwiesen. Doch wer nach diesen Zeilen auf ungenierten Eklektizismus schließt, dem seien die schnellstmögliche Anschaffung der seit kurzem erhältlichen Kaurismäki-Collection sowie das eigenständige Aufspüren der Einsicht empfohlen, daß das wichtigste Erkennungszeichen des vermeintlichen Plagiators der unverwechselbar eigenwillige Stil ist, durch den man seine Filme nach allerspätestens anderthalb Minuten Rezeption an beliebiger Stelle eindeutig identifizieren kann.

Beherrschend und seit dem Erstling in eigenständiger Regie, »Schuld und Sühne« (1983), kaum verändert, finden sich die typischen Ausdrucksweisen sowohl in den gewagten Literaturadaptionen als auch in den schwarz-bunten Grotesken und am ausgeprägtesten in den sozial engagierten Filmen über die Verlierer des Wandels zur kapitalistischen Leistungsgesellschaft, die der bekennende Schizophrene zum eigenen Ansporn gern als Trilogien anlegt. Neben den Leningrad Cowboys verhalfen letztere dem finnischen Auteur zu internationalem Kultstatus und cineastischer Anerkennung: Obwohl Kaurismäki »Kunstscheiße« nicht ausstehen kann, ist europäische Filmkunst ohne ihn kaum noch zu denken. Gerade anhand seiner Verlierer-Filme, deren ersten er mit »Schatten im Paradies« 1986 drehte und die sich seither kontinuierlich durch sein Werk ziehen, läßt sich die Verfeinerung des zugleich distanzierenden und einfühlsamen Stils beobachten. Des Regisseurs (Anti-) Helden sind kleine Leute, die unverschuldet in existenzielle Notlagen geraten und sich trotz wiederholter Rückschläge in einer feindseligen Gesellschaft mit Hilfe der Solidarität »ihresgleichen« zäh ihr kleines Glück erkämpfen. Es sind simple, chronologisch erzählte Geschichten mit wenig Handlung und viel subtilem Gefühl, die selten mehr als eine Stunde Spielzeit benötigen, um über Möglichkeiten von Liebe, Arbeit und (Über-)Leben zu berichten. Durch extremen Minimalismus in Schauspiel und Dramaturgie, durch schwere Melancholie und rabenschwarzen Humor, mit sehnsüchtigem finnischen Tango und freiheitverheißendem Rock’n’Roll – möglichst ohne Worte und mit starren, perfekt durchkomponierten Bildern, von denen ein jedes für sich spricht – erzählt der Genrejongleur vom Finnland seiner Erinnerung zwischen schonungslosem Realismus und naiver Utopie, in dem Jukeboxen genausowenig fehlen dürfen wie Kaffee und Koskenkorva-Wodka. Unverzichtbar ist auch das treue Team, das Kaurismäki um sich versammelt hat: Seine prominentesten- Mitglieder sind Kati Outinen und der 1995 verstorbene Matti Pellonpää, die mit ihrem stoischen Schauspiel jegliche oberflächliche Psychologisierung ihrer Filmfiguren zu vermeiden perfektioniert und in Zusammenarbeit mit dem Kameramann des filmischen Stillebens, Timo Salminen, die Askese soweit getrieben haben, daß der Regisseur behaupten kann, seine Actionszenen seien diejenigen, in denen jemand von rechts nach links durchs Bild geht.

Entsprechend Kaurismäkis konsequenter Verneinung von Effekthascherei und auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin enthalten die vier DVD-Boxen seine 13 Kinofilme bis »Juha«, dem letzten Stummfilm des 20. Jahrhunderts, fünf dem deutschen Publikum bisher verwehrte Videoclips sowie die eher durch Inhalt als durch Form bestechende Dokumentation des historischen Auftritts der Leningrad Cowboys mit dem Chor- und Tanzensemble der Roten Armee – aber keinerlei Extras. Dies ist nur angemessen und lobenswert – und Kaurismäki weist selbst darauf hin, sich als sein eigener Produzent sowieso keine teuren alternativen Takes erlauben zu können und als Verehrer großen Kinos die Illusion erhalten zu wollen, sein Medium sei immer noch bigger than life. Der einzige Wunsch, den die Kollektion offenläßt, ist derjenige nach der dringenden Zusammenstellung der fünften Box mit den Kurz- und Langfilmen ab Der Mann ohne Vergangenheit. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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