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Aeon Flux – Die Serie

Aeon Flux. HK/USA 1991-1995. R,B: Peter Chung. R: Howard E. Baker. B: John D. Brancato, Steve De Jarnatt, Michael Ferris, Japhet Asher, Peter Gaffney, Mark Mars. M: Drew Neumann. P: CCHTV, Colossal Pictures, MTV Animation, MTV Networks, Monte Carlo Productions.
213 Min. Paramount ab 2.2.06

Sp: Deutsch (DD 2.0 DS), Englisch (DD 2.0 DS). Ut: Deutsch, Englisch. Bf: 1.33:1 Vollbild. Ex: Audiokommentar, Featurettes, Production Art, Making Of.

Skating the Edge

Von Daniel Bickermann Ein Auge, dessen lange Wimpern eine Fliege fangen, eine Pupille, die sich einzoomt auf das zappelnde Insekt… Als man Mitte der 90er anfing, MTV mit Stakkato-Schnitten und inkommensurabler Sinnesbombardierung gleichzusetzen (und mit einer generellen Verrohung der unschuldigen Fernsehjugend), meinte man nicht nur die Videoclips. Noch umstrittener waren damals die Folgeprogramme von »Liquid Television«, einem wöchentlichen Kompendium von wahrlich abwegigen Comic-Skurrilitäten. In seinen besten Momenten brachte dieses Animations-Allerlei bahnbrechende Serien wie »Beavis und Butthead«, »The Max« oder »The Head« auf den Weg, an schwächeren Tagen ließ man schon mal sprechende Scherenschnittmännchen über den Monitor hüpfen, die laufend ihre Farbe wechselten und mit piepsiger Stimme wirre Kochrezepte vor sich hinbrabbelten. Wer 1995 zu faul war, um selbst rauszugehen und mit Fröschen Baseball zu spielen, wer zu antriebslos war, um sich selbst Sexphantasien auszudenken oder Drogenträume zu beschaffen, der konnte sich immerhin vor die Glotze hängen und sich »Liquid Television« reinziehen, das war auch nicht viel anders. Spätere Klassiker der Dada-Animation wie »Pinky und der Brain« oder »Spongebob Squarepants« jedenfalls wären ohne die Vorarbeit von »Liquid Television« undenkbar gewesen.

Rückblickend ist das Kronjuwel dieses nüchtern kaum zu ertragenden Freakshow-Sammelsuriums natürlich »Aeon Flux«, eines jener seltenen Projekte, die sich mit jeder weiteren Entwicklungsstufe noch verbessern. Der »Pilotfilm«, der in sechs Teilen auf die ersten »Liquid Television«-Folgen verteilt wurde, besteht noch aus einer rasanten Baller-Phantasie voller Leichenberge, einer mysteriösen Krankheit und einigen sardonischen kleinen Späßen. Das brillante Prinzip, jeglichen Dialog gleich wegzulassen (ein Konzept, das wohl der internationale Ausrichtung von MTV geschuldet war), dafür aber die Inszenierung so (schwindel)erregend wie möglich zu gestalten, wurde auch für die folgenden sechs Kurzfilme übernommen, alle zwischen drei und vier Minuten. Hier steigerte sich nicht nur die narrative Raffinesse (die Protagonistin wurde von der dehnbaren MG-Heroine zur durchtriebenen Geheimagentin), sondern führte auch Trevor Goodchild ein, zugleich Aeons Nemesis, Gegenspieler und Liebhaber, mit dem sie sich Eskapaden lieferte, die nicht zufällig Ähnlichkeit mit »Spy vs. Spy« hatten. Dazu kam eine Hintergrundwelt voll mysteriöser Aliens, staatlicher Oppression, kafkaesker Architektur und ein undurchdringliches Netz an Verrat und Gegenverrat. Und einen gemeinen Twist hatte sich Schöpfer Peter Chung auch noch überlegt: Aeon stirbt in jeder einzelnen Episode, manchmal durch einen simplen Kopfschuß, manchmal so elaboriert wie durch Strangulation an einem verhedderten Enterhakenseil nach einem Sturz aus dem Flugzeug.

Der Sprung zur eigenständigen Serie schließlich, die aus zehn Dreißigminütern besteht und das Hauptvolumen dieser DVD-Sammlung füllt, war der radikalste und zugleich der inspirierteste: Die Figuren bekamen Dialoge und Hintergrundgeschichten, aber beides wurde, passend zu der futuristischen Traumwelt, in der Aeon Flux existiert (eine wilde Mischung aus MC Escher, Moebius und dem Mad Magazine), kongenial kryptisch gehalten – nicht selten braucht es 10 bis 15 Minuten, bis man glaubt, die groben Handlungslinien einer Episode durchschaut zu haben. Daß es zwischen den Folgen keine Chronologie gibt und die Protagonistin immer noch manchmal (wenn auch nicht mehr ganz so regelmäßig) die überraschende Angewohnheit hat, wegzusterben, macht einen Sinnzusammenhang nicht einfacher, war aber ebenfalls der Senderstruktur von MTV geschuldet, wo alle Folgen mehrmals wiederholt wurden und man auf ein Publikum hoffen mußte, das eher zufällig zuschaltet als gezielt alle Folgen am Stück sieht. Heute ergibt sich durch diese Inkontinuitäten ein surrealer Eindrucksbrei, der keine stringente Geschichte bietet, dafür aber um so konsequenter sein Stimmungs- und Weltbild transportiert.

Und so vieles ist bemerkenswert an der Atmosphäre dieser Serie: Eine wirbelnde Kamera täuscht den Zuschauer ganz bewußt mit doppelten Perspektiven und Spiegelungen und kitzelt den Sehnerv mit irrwitzigen Fahrten und verzerrten Blickwinkeln. Die sexuellen An- und Ausspielungen sind ebenfalls erstaunlich skurril, fetischistisch oder schlicht pervers, vor allem angesichts eines nicht selten vormittäglichen Sendeplatzes in der Kinder- und Jugendbeschallungsanstalt MTV. Von den vielgliedrigen, eierlegenden Aliens, den implantierten Gewissensstäben, die man durch den Nabel einführt, den Phasenverschiebern, mit deren Hilfe man menschliche Körper öffnen und betreten kann, und ähnlichen zutiefst verstörenden Motiven soll hier gar nicht erst die Rede sein. (Daß übrigens ausgerechnet Peter Chung, Erfinder der goldigen »Rugrats«, für solche Monstrositäten verantwortlich zeichnete, verwundert nur diejenigen, die bei den vermeintlich süßen Teppichratten noch nicht die sexuellen und gewalttätigen Untertöne untersucht hat…)

Und bei aller Kontinuitätsbrechung: Immerhin ist in dieser Sammlung die Folge, in der Aeon und Trevor die Menschheit auslöschen – ein Schritt, der in der Logik dieser Serie irgendwann unumgänglich war – als letzte aufgelistet. Das gibt dem Ganzen dann wenigstens den Hauch eines dramaturgischen Abschlusses, ohne daß man aufhört, sich verwundert und kopfschüttelnd die Augen zu reiben. Hoffentlich hat sich keine Fliege darin verfangen. 1970-01-01 01:00

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