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A Bittersweet Life – Director's Cut

Dalkomhan insaeng. ROK/USA 2005. R,B: Kim Jee-Woon. K: Kim Ji-yong. S: Choi Jae-geun. P: B.O.M Film Productions Co. D: Lee Byung-hun, Kim Yeong-cheol, Shin Min-ah, Hwang Jeong-min u.a.
115 Min. Splendid ab 29.9.06

Sp: Deutsch (DD 5.1), Koreanisch (DD 5.1). Ut: Deutsch. Bf: 2.35:1 anamorph. Ex: Zahlreiche Featurettes, Audiokommentare, Deleted Scenes, Alternative Scenes, Making Of u.a.

Der eiskalte Engel

Von Tina Hedwig Kaiser »Es gibt keine größere Einsamkeit als die des Samurai, es sei denn die eines Tigers im Dschungel.« Ein Zitat aus Melvilles Klassiker Le Samourai von 1967, das so auch für A Bittersweet Life des koreanischen Filmemachers Jee-Woon stehen muß, der seine Premiere auf dem letzten Fantasy Filmfest hatte und spätestens hier als Geheimtip gefeiert wurde. Mittlerweile ist er endlich auf DVD beim koreanischen CJ-Entertainment erschienen. Alain Delons Figur des Berufskillers Jeff Costello erscheint als Vorlage für die aktuelle Figur von Lee Byung-hun mehr als eindeutig. Die Anzüge, das Schweigen, die Korrektheit, die Anmut und Präzision, das Unterkühlte. Nahezu perfekt und vielleicht noch schöner als bei Delon. Wer weiß. Dreißig Jahre Reifezeit gesteht man gerne zu.

Seoul im Jahr 2005, mafiöse Strukturen und Bandenkriege und ein großer Boß, der das alles kontrolliert. Und dieser ist noch dazu Seon-woos Chef, der ihn wie seinen eigenen Sohn schätzt und ihn selbst in privaten Angelegenheiten zu Rate zieht. Seon-woo ist so der erste in der Rangliste der Mitarbeiter, er weiß den Überblick über alle Geschäfte zu wahren und kann eiskalt und äußerst sauber im Hinterzimmer ungewünschte Kunden zur Seite schaffen. Seine Ästhetik des Kampfes stellt er hier ein ums andere Mal unter Beweis. Auffallend asiatisch wird es spätestens an diesen Stellen: Es geht nicht um das Schußinstrument mit Schalldämpfer wie bei Delon, es geht um den Faust- und Trittkampf koreanischer Manier. Und so präzise hätte auch niemand mit einer Schußwaffe arbeiten können. Mit glänzendem unangetastetem Dior-Anzug verläßt Seon-woo nach einem solchen Kampf auch wieder den Raum, zurück in die stahlklare und dennoch dezente Atmosphäre seiner Luxusrestaurantwelt hoch über der Stadt. Nach Geschäftsschluß steht er hier oft alleine, starrt durch und auf die spiegelnden Fensterscheiben, sieht sich in das nächtliche Panorama projiziert. Genießt seinen Status, seine Rolle – etwas zu kühl und anmaßend für einige seiner Kollegen.

Und so nehmen die Dinge ihren Lauf: Der obligate Vertrauenstest des Chefs bezieht sich auf die Überwachung seiner Geliebten – wie könnte es auch anders sein. Doch das hier ist ein asiatischer Film – also: sehr zurückhaltend, sehr dezent und alles immer und ewig unausgesprochen. Auch und wohl auch gerade dann, wenn alle leiden. Seon-woo wird also in Ungnade fallen, wegen eines kleinen Fehlers, der keiner war. Der Killer läßt dem Mädchen und ihrem Geliebten das Leben mit einer Auflage: Die Erinnerung muß ausradiert werden. Sie fügt sich und widerspricht zugleich: Es ist nicht auszuradieren – es bleibt, und das müßte eigentlich auch er wissen. Er will dies nicht hören, ärgert sich maßlos über sie, wird nachher ein paar Jugendliche verprügeln, die sein Auto angerempelt haben. Und man merkt: Er fällt ab – von seinen Prinzipien, seiner Präzision, er gerät ins Zweifeln und Taumeln. Es wandelt sich etwas in ihm. Und das Rad beginnt zu rotieren: Sein Chef und seine Kollegen sowie deren Mittelsmänner, alle sind plötzlich hinter ihm her. Er wird fast sterben, ist gefoltert, begraben und ausgestoßen. Und wird doch auferstehen und gegen den gesamten Clan im Alleingang kämpfen: sein gesamtes Terrain zurückerobern – eine Blutspur hinter sich herziehend. Nur, um plötzlich einmal etwas zu sagen, und so die Worte des Mädchens letztendlich doch noch zu verteidigen: nichts ist auszuradieren, keine Erinnerung ist zu löschen. Jedes Detail ist wichtig. Das andere Grundmotiv war schon zuvor von seinem Chef genannt worden: Ganz egal, wie viele Dinge man bereits richtig gemacht habe, allein ein einziger kleiner Fehler könne zum Straucheln ausreichen. Seun-woo wird zurückkehren, um seinem Boß genau dies zu lehren. Seine letzten Worte für diesen: Du hast Dich für den Falschen entschieden. Und Schuß! Nicht jeder Fehler ist ein Fehler. Koreanischer Film wie man ihn liebt, gerade nach den knallharten Vergeltungseskapaden Oldboy und Sympathy for Mr. Vengeance.

In Samurai-Manier wird Seun-woo nach getanem Werk selbst sterben müssen, im Ohr noch die Stimme des Mädchens und im Gedächtnis rauschende Zweige im Wind. Und er wird das einzige Mal im Film lächeln. Aber nur in einer Rückblende: Das Lächeln hatte sich doch einmal ereignet, gegen alle kalte Zurückhaltung. Er hatte gefunden, was er suchte, aber niemals vermutet hätte. Doch das Ergebnis seines inneren Sterbemonologs zwischen einem Meister und seinem Schüler schließt sich mitleidslos an: Träume sind nur Träume, und für Seun-woo nun nicht mehr realisierbar, solange der Schüler im Leben nicht erkennt, daß es nicht der Wind ist, der die Zweige rauschen läßt – so der Meister, sondern sein eigenes Inneres, sein Herz und seine Seele, die da ganz leise sprechen, ohne daß er es vielleicht hört. Im Abspann dann: Seun-woo zu Beginn des Films, wieder in seinem Restaurant. In einer Kameraeinstellung, die uns am Anfang entzogen wurde. Er spiegelt sich in den nächtlichen Fenstern, findet sich extrem cool, boxt gegen sein eigenes Spiegelbild, und genießt dies ohne Ende. Also doch nicht nur melancholisch-schön und bedacht. Er hatte sich zuvor im eigenen Narzißmus bereits selbst verraten. Samurai und eben auch nicht.

Später am Premierenabend – vom Fantasy Filmfest am Potsdamer Platz zur Karl-Marx-Allee: Jim Jarmusch ist im Kino International anläßlich seiner damaligen Premiere von Broken Flowers. Der hatte es ja schon immer gewußt, spätestens seit seinem Samurai-Klassiker Ghost Dog. Und gerade an diesem Abend ist Jarmusch besonders erzählfreudig und bringt alles plötzlich noch einmal auf den Punkt: »Don't listen to monkeymind!« Was er Bill Murray in seinem aktuellen Film sagen läßt, versteht er als seine eigene Lebensphilosophie: Man lebt nur jetzt, und das ist alles, was man hat und immer haben wird. Also immer die Gegenwart im Blick behalten. Seltsam, aus New York schlägt einem an diesem Abend der Buddhismus entgegen, aus Korea eher ein schwieriger christlicher Romantizismus des verpaßten Lebens. Doch zum Glück sprechen anscheinend überall noch einmal anschließend die Meister. Filme generieren seltsame Abende. 1970-01-01 01:00

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