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Biutiful

USA/MEX 2010. R,B: Alejandro González Iñárritu. K: Rodrigo Prieto. S: Stephen Mirrione. M: Gustavo Santaolalla. P: Cha Cha Cha. D: Maricel Álvarez, Javier Bardem, Hanna Bouchab, Diaryatou Daff, Guillermo Estrella, Eduard Fernández, Luo Jin, Rubén Ochandiano u.a.
147 Min. Prokino 10.3.11

Schattenschönheit

Von Dietrich Brüggemann Irgendwann, soll Fassbinder mal gesagt haben, verfilmen die Leute ihre eigenen Kritiken. Alejandro González Iñárritu könnte so ein Fall sein. Amores Perros, sein Erstling, war ein erstaunlicher Film und machte Furore. Schon kam Hollywood, und heraus kam 21 Gramm. Allein die Idee hinter dem Titel ist schon irgendwie pathetisch: Die Seele des Menschen, soll irgendjemand mal behauptet haben, wiegt 21 Gramm, so daß man im Moment des Todes 21 Gramm leichter wird. Der Film türmte das ganze Gewicht des schrecklichen Schicksals der Menschheit dermaßen aufeinander und lud es dem Zuschauer auf die Schultern, daß der Film auch problemlos »21 Tonnen« hätte heißen können. Erfolgreich war er jedenfalls, und dann kam Babel. Vier lose verbundene Geschichten, ein Planet aus Pathos. Menschen, die sich völlig idiotisch verhalten, inhumane Polizisten, die immer überall nur draufhauen, dazwischen Brad Pitt und Cate Blanchett, die wirken wie betroffenheitsgesättigte Promis beim Fundraising-Dinner. Und als Fußnote gab es noch einen häßlichen Streit zwischen Iñárritu und Guillermo Arriaga, seinem alten Freund und Drehbuchautor. Iñárritu warf Arriaga vor, er wolle sich zu viel vom Kuchen nehmen, und das ging so weit, daß Arriaga zur Premiere in Cannes nicht erscheinen durfte. Danke, dachte man sich da eigentlich, hier kommt nicht mehr viel. Zwei alte Freunde haben Erfolg, werden arrogant und stolpern über ihren eigenen Größenwahn. Es ist eine Geschichte wie aus einem Film von Alejandro González Iñárritu.

Aber dann auf einmal das. Iñárritu muß sich sein Drehbuch jetzt selber schreiben, und heraus kommt ein Film, der schon wieder das apokalyptische Durcheinander im Moloch des 21. Jahrhunderts thematisiert, der die Leidenden und Geschlagenen und ungerechtfertigterweise Sterbenden zeigt – und dennoch niemals kalkuliert oder großkotzig wirkt. Biutiful wirkt wie ein Befreiungsschlag. Er zeigt die letzten Tage im Leben von Uxbal, einem Kleingangster in Barcelona, grandios gespielt von Javier Bardem. Er kümmert sich um seine beiden Kinder, er vermittelt zwischen afrikanischen Drogendealern und einem alten Freund bei der Polizei, er kümmert sich für zwei chinesische Nähereibesitzer um deren Belegschaft, eine Herde von modernen De-Facto-Sklaven, unwürdig in einem Keller zusammengesperrt, er kümmert sich um die Frau eines abgeschobenen Afrikaners. Uxbal hat Prostatakrebs, er wird nicht mehr lange leben, und er versucht in seinen letzten Tagen, die Trümmer seines Lebens irgendwie zu ordnen, und muß doch mit ansehen, wie alles immer weiter auseinanderfällt. Sein lebenslustiger Bruder hat etwas mit seiner manisch-depressiven Ex, zwischendurch müssen die Brüder das Grab ihres Großvaters freigeben, weil auf dem Gelände des Friedhofs ein Einkaufszentrum gebaut wird. Der Großvater wanderte damals nach Amerika aus, starb dort jung und wurde zurück nach Spanien überführt. Sein Leichnam ist mumifiziert, er ist jünger als sein Enkel, und die Begegnung der beiden gehört zu den wenigen magischen Szenen, die dieses Jahr in Cannes zu sehen waren. Verglichen mit dem lautstarken Pathos seiner früheren Filme ist Biutiful still, ehrlich und unglaublich tiefgründig, er ist viel eher ein Meisterwerk als alles, was Iñárritu bisher gemacht hat. Man hätte erwarten sollen, daß der Film in Cannes gefeiert wird wie sonstwas, gerade in einem Jahr mit sonst so schwachem Wettbewerb, aber irgendwie geschah das nicht, und auch die Jury gab den Hauptpreis lieber dem gediegenen Arthouse-Langweiler Lung Boonmee von Apichatpong Weerasethakul, der in seiner Art auch sehr ehrlich und tiefgründig ist, aber doch viel mehr nach bewährten Filmkunstrezepten kocht als Iñárritu, der hier etwas ganz eigenes macht, das man so noch nicht gesehen hat. Immerhin, Darstellerpreis für Javier Bardem, ex aequo mit irgend jemand anderem. Sind die besten Filme eigentlich auch die, die groß abräumen, oder werden die wirklich tollen Sachen von Jurys und Kritikern immer übersehen und führen dann über die Jahrzehnte ein Schattendasein in den Herzen einiger weniger Fans? Die Frage ist alt und nicht abschließend zu beantworten, aber hier hätten wir mal wieder ein Argument für die zweite These. 2010-07-19 11:07

Info

gesehen auf der Berlinale 2010

Medien

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