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Bedways

D 2010. R,B: RP Kahl. K: Fabian Knecht. S: Stephanie Kloss. M: Sissimetall. P: Independent Partners, Mogador Film, Group.ie, Erdbeermund Filmproduktion. D: Miriam Mayet, Matthias Faust, Lana Cooper, Laura Tonke, Arno Frisch, Moritz Ross.
76 Min. Reverse Angle ab 3.6.10

Fleisch ist sein Gemüse

Von Daniel Bickermann So sieht das also aus, wenn man in Deutschland versucht, filmische Grenzen zu verschieben. RP Kahls mit 76 Minuten recht bündig geratener Independent- (oder doch Experimental-?) Film Bedways, gedreht in blitzsauberer digitaler Optik und kompromißlosem 4:3, beginnt gleich mit einem Höhepunkt. Und der ist Gott sei dank nicht dramaturgischer, sondern sexueller Natur.

Nach der Welle der europäischen Arthouse-Pornos, nach Intimacy und 9 Songs war es nur noch eine Frage der Zeit, bis sich auch mal ein deutscher Filmemacher an die zahlreichen Thematiken heranwagt, die die fleischliche Liebe auf Zelluloid ja zweifelsohne zu bieten hat. Man dachte eigentlich an einen wagemutigen Filmstudenten, aber man hätte es besser wissen müssen: Mehrere Jahre hat Kahl das Genre des Erotikfilms in photographischen und filmischen Vorarbeiten eingekreist, bevor er sich nun ans Eingemachte wagt. Wie den meisten Pionieren des Leinwandsex’, die immerhin auf wackligem und unbekanntem Boden balancieren, gerät auch ihm dabei einiges etwas zu krude oder zu gefällig – aber es ist bemerkenswert, wie stimmig, wie ästhetisch und, ja, wie erotisch sein kleiner Low-Budget-Film letztlich geworden ist. Kahl hat viel gewagt und viel gewonnen.

Das liegt, neben dem sensationell mitreißenden Soundtrack, vor allem an einem auf den ersten Blick simplen, bei näherer Betrachtung raffiniert komplexen Drehbuch: Die junge Regisseurin Nina will mit den Schauspielern Hans und Marie Improvisationen und kreative Proben für ein erotisches Filmprojekt machen. Da sie selbst noch nicht genau weiß, worauf es hinauslaufen soll, liegt der Gedanke nahe, daß sie auf diese Weise ihre Vergangenheit mit Hans aufarbeiten möchte. Das führt zu einigem (auch medialen) Durcheinander, bis es in einer bemerkenswerten Abschlußszene in einem Erotikclub endlich einen Durchbruch gibt, über den noch zu reden sein wird.

Die Schauspieler steigern sich von anfänglich unsicherer Hölzernheit zu abschließender völliger Hingabe, vor allem die erstaunliche Miriam Mayet überzeugt dabei restlos. »Du hast so ein abweisendes Lächeln«, bekommt sie im Film gesagt, und ihr kühles und trotzdem sinnliches Spiel, das erst in der klimaktischen Schlußszene vollends auftaut, ist damit ausgezeichnet beschrieben. Auch Lana Cooper und Matthias Faust bestechen durch ihre Furchtlosigkeit und ihre Wärme in einem Filmprojekt, das sicherlich keine leichte Angelegenheit war.

Von der letzten Sequenz aber, einer fünfminütigen, ungeschnittenen, digital verzerrten Masturbationsszene, muß ausführlicher gesprochen werden. Es ist das erste Mal, daß die Figuren den bis dahin einzigen Schauplatz, ein kahles, heruntergekommenes Berliner Loft, verlassen, und die anschließende Vereinigung nach langem Warten wirkt wie eine doppelte Befreiung. Zum einen für die Figuren, die ihre Leidenschaften endlich aus dem fiktiven Filmprojekt in die Realität holen können – paradoxerweise mittels eines Videoschirms. Zum anderen für die Zuschauer, die endlich im deutschen Kino erleben dürfen, wie erotisch echte Intimität und echte Leidenschaft in einer Sexszene sein können. In einer ironischen Spiegelung der Klimax von Paris, Texas findet sich der Zuschauer mit dem Blick auf einen Einwegmonitor wieder, hinter dem wir Nina sitzen sehen, die uns nicht sieht – und uns doch direkt in die Augen schaut. Sie hat die Kontrolle über diesen Augenblick, sie konfrontiert den Zuschauer mit dessen eigener Schaulust und lädt ihn gleichzeitig ein. Es ist ein magischer Moment von Rückkopplung der Zuschauer-Energie, und mit Leichtigkeit die interessanteste Sexszene im deutsche Kinofilm der letzten Jahre.

Und was bleibt nun für die deutschen Filmemacher als Lehre dieses bemerkenswerten Vorstoßes? »Flesh is the new law« vielleicht, wie die französische Band Mypark auf dem Soundtrack verkündet? Oder doch eher »Ich will soviel. I’m so unreal«, wie Anne, die Sängerin von Sissimetall, über die schweißtreibende E-Gitarrenwand ihrer Band bei einem Liveauftritt vor den Figuren stöhnt? Auf jeden Fall dies: Long Live the New Flesh. 2010-03-03 14:19

Info

gesehen auf der Berlinale 2010
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