— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Polar

D/CH 2008. R,B: Michael Koch. B: Juliane Großheim. K: Bernhard Keller. S: Stefan Stabenow. P: Kinomaton. D: Max Brauer, André Hennicke, Maria Kwiatkowsky, H.J. Mueller, Hansjürg Müller, Ajvan Yesildeniz.
29 Min. KHM Köln

Almtraum

Von Oliver Baumgarten Jahrelang, so scheint es, hat Luis seinen Vater nicht mehr gesehen. Und nun, als er ihn auf einer abgelegenen Berghütte mit seiner neuen Familie endlich besucht, sehen sie sich zwar, scheinen aber weiter voneinander entfernt als je zuvor. Nicht nur Vaters neue Flamme und das Neugeborene stehen zwischen ihnen, sondern unendlich viel Unausgesprochenes. Wie zwei Pole stehen sie sich gegenüber, jeweils am anderen Ende der emotionalen Welt. Luis versucht, die Distanz zu überwinden, doch trifft er bei seinem Vater auf die gleiche, unveränderte Kälte und Borniertheit, die Luis einst hat vor seinem Vater flüchten lassen. Und so wächst der Frust auf der Alm, und Luis provoziert eine Entladung.

Polar zeigt eine Perfektion der Verdichtung, die selbst im Kurzfilm ihresgleichen sucht. Nichts als das bloße Konzentrat der Erzählung hat Michael Koch mit seinem Team aus dem Material gewonnen. Alles, was vom Eigentlichen ablenken könnte, jedes im Grunde unnötige Schmuckwerk ist über Bord gegangen und weicht einer erstaunlich fokussierten Klarheit. Das beginnt schon bei solch banalen Momenten wie Luis’ Ankunft auf der Alm. Luis weiß nicht, was ihn erwartet, er ist nervös, er kennt die neue Frau seines Vaters nicht, er ist folglich auf die Situation konzentriert. Der großartige Kameramann Bernhard Keller nun bleibt ganz konsequent auf diesem Gesicht, bleibt in dieser Situation komplett bei Luis, während sich in der Unschärfe des Hintergrunds das vermutlich weltschönste Alpenpanorama andeutet. Doch kein Schwenk, kein Insert in der Montage, keine Ablenkung vom Fokus der Erzählung hin zu unbedeutenden Nebensachen. Und als würde das Panorama selbst vor solch Konsequenz aller Beteiligten kapitulieren, zieht das Wetter in der nächsten Szene zu, hängen tiefe und dichte Wolken im Tal, hilft bei der Fokussierung triefender Nebel. Polar ist ein Meisterstück an Reduktion, wie sie allein der Kurzfilm vermag. 2009-09-23 14:34

Info

gesehen auf dem Internationalen KurzFilmFestival Hamburg 2009

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #55.
© 2012, Schnitt Online

Sitemap