Was Sie nie ganz so genau über die Folgen von Sex wissen wollten
Von Jutta Klocke
Als Motivationsmittel in Zeiten des demographischen Wandels wird diese Kurzanimation wohl kaum zum Einsatz kommen, steigert sie nicht gerade die Vorfreude des noch kinderlosen weiblichen Zuschauers auf das sonst meist als Geschenk der Natur propagierte Ereignis der Geburt. Zumindest aber schafft sie, ähnlich wie Mitchell Lichtensteins ironische Horrorkomödie Teeth, die vor zwei Jahren in der Panorama-Sektion der Berlinale lief, ein selten gewordenes Solidaritätsgefühl im Kinosaal: Wanden sich damals noch die Damen angesichts der unkonventionellen Kastrationsmethoden gemeinsam mit den ungleich direkter betroffenen Herren in ihren Sitzen, so ließ sich auch während der Vorführung von Birth im diesjährigen Berlinale Shorts-Programm oftmals ein zweigeschlechtliches Raunen vernehmen. Denn die Bilder, die Signe Baumane ihrer naiven Protagonistin in den Kopf pflanzt, sind alles andere als mutterglückshormongefärbt.
Die 17jährige Amina ist ungewollt schwanger und steht nun, völlig unaufgeklärt, was die genauen Vorgänge der Entbindung angeht, ziemlich ratlos da. Die moralische Unterstützung, die sie sich von Mutter und Tante verspricht, weicht verschiedenen Horrorszenarien, mit denen die beiden älteren und in diesen Dingen abgeklärten Verwandten nicht nur das Mädchen ziemlich unsensibel konfrontieren. Selbst wer schon vorher nicht ausschließlich begeistert auf den Gedanken an Schwangerschaft und Geburt reagierte, wird dank Baumanes schrecklich komischer Visualisierung des Ganzen noch ganz neue und ungeahnte Psychosen entwickeln können. Vergleiche der verschiedenen Größenverhältnisse von Geburtskanal und Kind gab es schon häufiger, aber welches Grausen eine unschuldige Nabelschnur hervorrufen kann, darüber wird man erst gemeinsam mit Amina so wirklich aufgeklärt.
Als Zeichentrickhorrorkomödie, die noch dazu im Kurzformat daherkommt, macht sich Birth gleich vierfach angreifbar für die Befürchtung, unterhaltsam, aber inhaltlich belanglos zu sein. Daß dieses Vorurteil nicht immer stimmt, davon zeugt Baumanes Wahl eines generell durchaus problematischen Hintergrundes, der auch gleich in zwei weiteren Beiträgen der Berlinale Shorts thematisiert wurde. Die Überforderung von Jugendlichen, die ungewollt schwanger wurden und nun an der Verantwortung, Entscheidungen treffen zu müssen, scheitern, ist zwar in Daniel Elliots Jade und Myroslav Slaboshpytskiys Diagnoz weitaus authentischer (so hofft man zumindest) und im letzteren Fall auch drastischer in Szene gesetzt. Aber auch in Birth schimmert die Tragweite dessen, was Amina bevorsteht, immer wieder durch die verspielt-verschrobenen Zeichnungen. Der ironische Blick Baumanes auf das Wunder Geburt und all das, was dieses Ereignis an Veränderung und Zukunftsängsten mitsichbringt, schafft so einen erfrischend amüsanten Gegenpol zu den düsteren Werken mit ähnlicher Thematik, ohne aber den Ernst der Lage ganz aus den Augen zu verlieren.
Bleibt nur zu hoffen, daß kein überambitionierter Biologielehrer auf die Idee kommt, den Film im Aufklärungsunterricht einzusetzen. Oder vielleicht doch? Womöglich hätte er genau den gewünschten Effekt, wenn der lästige Gedanke an Verhütung nur erst einmal an das Bild eines in der Zimmertür feststeckenden Elefanten gekoppelt wäre.
2009-03-09 11:27