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Satellite Queens

NL 2007. R,B: Bregtje van der Haak. K: Maasja Ooms. S: Alexander Oey, Katharina Wartena. M: Michel Banabila. P: Bruno Felix, Femke Wolting.
52 Min.

Vier Engel für Allah

Von Daniel Bickermann Der Höhepunkt der diesjährigen Cologne Conference kam in der unerwarteten Form einer einstündigen Dokumentation fürs niederländische Fernsehen: Satellite Queens von Bregtje van der Haak stellte die Frage, was Fernsehen heutzutage eigentlich sein und bewirken soll und fand dafür das faszinierende Beispiel der vier Moderatorinnen beim arabischen Satellitensender MBC. Deren gemeinsame Talkshow Kalam Nawaem gilt nicht nur als die quotenmächtigste im gesamten moslemischen Raum von Casablanca bis Teheran, sondern ist derzeit wohl auch das globale Paradebeispiel dafür, wie man mit ehrlichem, emotionalem Fernsehen Gesellschaften verändern kann. Denn die Sendung, die eigentlich als entspannende Nachmittagstalkrunde im Kaffeekränzchenstil für zuschauende Hausfrauen und Familien gedacht war, bricht schon mit der Moderatorenwahl eine ganze Reihe von Tabus: eine resolute, stämmige Matrone aus Ägypten, eine politikbewußte Palästinenserin mit Popstar-Appeal, ein libanesisches Ex-Model und, als einzige Kopftuchträgerin, die saudi-arabische Tochter eines großen islamischen Vordenkers – die vier verstehen sich nicht nur prächtig, sondern rühren Woche für Woche an den Streitthemen ihrer Kultur: Wie steht der Koran eigentlich zur Masturbation? Wie lebt man in moslemischen Kulturen als Homosexueller? Wessen Schuld ist der Trend zu immer mehr gescheiterten Ehen? Geschickt fängt die Kamera direkt nach der Ausstrahlung in den Straßen die Reaktionen ein und zeichnet die direkte Wirkung des Programms auf die Zuschauer nach – von deprimierten Anfeindungen in den männlich dominierten und traditionell ausgerichteten Teehäusern (in denen Kalam Nawaem nichtsdestotrotz über die Monitore flimmert) bis zur begeisterten Aufnahme bei den Familien – wobei Regisseurin van der Haak auch kuriose Reaktionen in den prunkvollen Zelten saudi-arabischer Scheiche und den nach Geschlechtern getrennten Einkaufszentren einfängt.

Dem von diversen Vorurteilen geprägten westlichen Betrachter fällt da ein ums andere mal die Kinnlade herunter: Nach einer offenen Diskussion des islamistischen Terrorismus’ und seine vermeintlichen Wurzeln in der Armut (die schon zwei Schritte weiter geht, als die westlichen Medien das zu analysieren sich auch nur die Mühe machen würden), beschwert sich eine der Moderatorinnen hinter den Kulissen sogar, die Diskussion wäre ihr zu oberflächlich verlaufen. Ebenso furchtlos konfrontieren die Damen Kritiker live auf Sendung, lesen die anonym eingesandten Haßbriefe vor und weisen die Schreiber freundlich auf ihre offenbar mangelnde moslemische Bruderliebe hin.

Eine solche Schonungslosigkeit ohne erhobenen Zeigefinger und ohne falsches Pathos ist deswegen möglich, weil die vier Moderatorinnen so unverstellt ihre eigenen Werte vertreten dürfen. Respektvoll folgt Regisseurin van der Maak den vier nicht nur hinter die Kulissen und in ihre Garderoben, wo die meisten Themen vorher in heftigen Diskussionen erst entstehen und strukturiert werden, sondern auch in ihre weit verstreut liegenden Heimaten, zu ihren Familien und Lebensumständen. Und hier wird klar, warum die Damen auf Sendung so souverän die komplexen gesellschaftlichen Themen aufarbeiten können: Sie erleben sie tagtäglich, sei es als zunehmend besorgte Bewohnerin der tumultösen libanesischen Hauptstadt Beirut oder als alleinerziehende Mutter und einsame Intellektuelle in Saudi-Arabien oder einfach nur als lebenserfahrene Frau in Ägypten, die vierzig Jahre Kulturgeschichte miterlebt hat. »Im moslemischen Kulturraum mögen wir keine Revolutionen«, attestiert die weise Fawzia Salama. »Unser Fortschritt muß in kleinen Schritten kommen.« Nach Sichtung der Satellite Queens jedenfalls wünscht man sich sehnlichst, daß sich statt der peinlichen Schauspieler, Möchtegernrichter und Krawallshows mal ein solch kluges und leidenschaftliches Moderatorinnen-Quartett die deutsche Gesellschaft und ihre rückständigen Tabus im Detail vornehmen würde. 2008-10-23 14:11

Info

gesehen auf der Cologne Conference 2008
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