Ins Eis
Von Dieter Wieczorek
Liverpool ist ein phlegmatisch irritierendes Road Movie. Ein Seemann, seit Jahren auf einem Frachter unterwegs, kommt zufällig in die Nähe seines Heimatortes, eines Dorfes, abgeschlagen irgendwo im Innern des schneebedeckten Feuerlandes. Er entscheidet, für einen Augenblick zurückzukehren, um seine Mutter noch einmal zu sehen. Auf seinem Weg nimmt er sich Zeit, trinkt, nächtigt in einer Hütte, macht sich am Morgen langsam zurecht. Die Spannungserwartung der Begegnung steigt, doch die Lapidarität der Ankunft, der Dialoge und des nahezu emotionslosen Wiederabzugs schaffen einen bemerkenswerten Film um existenzielle Vereinsamung und emotionale Bezugslosigkeit. Seine Mutter erkennt ihn kaum wieder, nirgends ein Zeichen der Begrüßung. Die einzige Geste der Berührung, das Geschenk eines mit »Liverpool« beschrifteten Schlüsselbundes für seine mental gehandicapte Schwester, Klimax der möglichen Nähe. Der Rest: Unausgesprochenes, Versäumtes, Nichtwiederherzustellendes. Ein Leben auf Fahren und Gehen reduziert, bezugslos, heimatlos. Die Kosmen Kaurismäkis und Bressons klingen an, doch es ist noch eine Spur kälter. Der Argentinier Alonso läßt seinen Protagonisten Vargas aus Los Muertos hier noch weiterlaufen, ins Eis hinein.