— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Halt auf freier Strecke

D 2011. R,B: Andreas Dresen. B: Cooky Ziesche. K: Michael Hammon. S: Jorg Hauschild. P: Rommel Film. D: Steffi Kuhnert, Milan Peschel, Inka Friedrich, Ursula Werner, Otto Mellies, Bernhard Schutz, Mika Seidel, Marie Rosa Tietjen u.a.
110 Min. Pandora ab 17.11.11

Eichbaum im Schnee

Von Werner Busch Edel sei der Todkranke, hilfreich und voll Mut! Entweder das, oder wenigstens eine hübsche Frau, der man im Siechen hinterherschmachten darf, wie in Love Story aus dem Jahr 1970 zum Beispiel. Roger Ebert benannte eigens eine Krankheit nach der sterbenden Hauptdarstellerin: »Ali MacGraw‘s Disease. A movie illness in which the only symptom is that the sufferer grows more beautiful as death approaches.« Treffend; nicht nur für Spielfilme. Auch Dokumentarfilme oder natürlich die Berichterstattung der Presse suchen in den Geschichten von Sterbenden das leuchtende Beispiel für die Lebenden. Menschliche Tugenden wie Tapferkeit und Geistesstärke, woran lassen sie sich besser zu veranschaulichen suchen, als an einem, der mit dem Tode ringt? Sterben macht stark. Oder: »Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht« (Joh. 12,24). Oder: »Wer viel heult, muß weniger pissen« (Werner Herzog).

Der Großteil medial vermittelter Geschichten vom Sterben ist pathetisches Erbauungsmaterial. Tatsächlich aber ist das einzig Erbauliche am Tod die Gewißheit: Für n gegen ∞ ist es nicht abwendbar und dem Rest wird’s genauso gehen; die frohe Botschaft der Atheisten.

Andreas Dresens jüngster Film ist ein Melodrama und ist doch keins. Ein Mann im mittleren Alter, durchschnittlicher Job, Frau, zwei Kinder, Haus, kein Hund, erfährt die Diagnose: Gehirntumor. Der Krebs ist inoperabel, er wird in wenigen Wochen, Monaten tot sein. Eingefangen wird diese Szene in überlangen statischen Einstellungen, vorwiegend im Close-Up. Die Sätze des Arztes klingen halb routiniert-eingespielt, halb verlegen gestottert, sehr natürlich somit. Die wechselseitigen Reaktionen sind überwiegend betretenes Schweigen, dann schüchtern gesprochene, den Versuch von Sachlichkeit imitierende Nachfragen. Wieder Schweigen. Schluckgeräusche sind plötzlich so laut, daß sie Hall haben.

Eine überaus gelungene Einleitung gelingt Dresen damit für seinen Film, sehr stilisiert, fernab üblichen Realismusgebarens, etwa mittels Handkameraunfug. Stattdessen besetzt er, wie beinahe durchgängig in früheren Filmen praktiziert, die Archetypen der Moderne, hier Ärzte und Therapeuten zumeist, mit genau solchen Menschen aus dem wirklichen Leben. Jeder ist für sich in seiner Rolle als professioneller Seelsorger ungleich überzeugender als sämtliche Ernst-Busch-Abgänger. Zwei davon aber, die Hauptdarsteller Milan Peschel und Steffi Kühnert, bieten den Profis aus der Wirklichkeit formidabel die Stirn.

Das Label »Problemfilm« drängt sich dennoch auf. War in Sommer vorm Balkon der Alkoholismus der Hauptfigur nur ein Handlungsstrang von vielen, konzentriert sich Dresens neuer Film beinahe ausschließlich auf die Krankheit und damit das Sterben, das man, ernst auseinandergesetzt wie hier, gerne vermeidet. Besonders in der Traumwelt Kino. Aber hier gibt Dresens Hang zu gekonnt gesetzten komödiantischen Spitzen und zu seiner ihm eigenen Art magischen Realismus’ Raum zum zwingend notwendigen Abstandnehmen. Ähnlich dem wundersamen Stromausfall in Halbe Treppe wird hier eine Handykamera zu einem unerwarteten transzendierenden Element. Auch der Tumor selbst darf zur Person werden und erhält das Gesicht von Dresens quasi-Alter-Ego Thorsten Merten, der sogar in der Harald-Schmidt-Show (jetzt auf SAT 1!) auftreten darf.

Nachdem er mit seinen letzten Filmen etwas vom Weg der Großartigkeit abgekommen war, findet Dresen mit Halt auf freier Strecke mit traumwandlerischer Sicherheit wieder zu sich selbst zurück; greift sich eines der schwierigsten Filmthemen überhaupt und verwandelt es mittels improvisierter aber hochstilisierter Spielszenen, zu einer ganz eigenen und höchst ansprechenden filmkünstlerischen Arbeit, die im immermüden deutschen Belanglosigkeitskino dieser Tage seinesgleichen sucht. So kann hier die Figur eines sterbenden Krebskranken überzeugend, das heißt hilflos kotzend, scheißend und ängstlich, wie das nun mal meist so ist, dennoch ihre Würde behalten und mit der Welt der Träume in das Reich der biologischen Verwesung wandeln. Fürchtet euch nicht! 2011-10-13 08:25

Weitere Autoren

Abdruck

© 2012, Schnitt Online

Sitemap