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Eine Karte der Klänge von Tokio

Map of the Sounds of Tokyo. E 2009. R,B: Isabel Coixet. K: Jean-Claude Larrieu. S: Irene Blecua. P: Mediapro, Versátil Cinema. D: Rinko Kikuchi, Sergi López, Min Tanaka, Manabu Oshio, Takeo Nakahara, Hideo Sakaki, Jun Matsuo, Joan Potau u.a.
109 Min. Alamode ab 5.8.10

Tote Fische schreien nicht

Von Mary Keiser Einsamkeit und Leid führen seltener zu großen Gefühlsausbrüchen oder gar Amokläufen, sondern viel eher zu einer Art Gefühlslähmung, wie es hier perfekt dargestellt ist. Der Geschäftsmann Nagara versinkt in Erinnerungen an seine verstorbene Tochter Midori, die Selbstmord begangen hat. Deren Ex-Freund David benutzt ausgerechnet die auf ihn angesetzte Killerin Ryu, um über seinen Verlust hinwegzukommen. Die ihrerseits sehr einsame Ryu läßt diese Kränkung still über sich ergehen, und ebenso passiv zeichnet ihr Freund, der Toningenieur, ihre Geschichte auf, ohne ihr wirklich beizustehen. Nagaras Assistent, natürlich ebenfalls unglücklich in Midori verliebt, rächt sich am vermeintlich Schuldigen zunächst auf denkbar distanzierteste Weise, indem er eine Profikillerin engagiert.

Isabel Coixet erzeugt Emotionen mit anderen Mitteln als in der typischen Hollywood- oder gar Bollywood-Manier. Man erwartet ständig mehr, mehr Schreien, Umsichschlagen, Zusammenbrüche oder Ohrfeigen und füllt deshalb die viel zu laschen Reaktionen der Figuren mit eigenen Empfindungen.

Wenn der etwas grobschlächtige David die zerbrechlich wirkende Ryu erst verführt, dann mit ihr ins selbe Hotelzimmer geht wie mit seiner Ehemaligen, von der er auch noch ständig erzählt, und obendrein durch plumpe Ehrlichkeit alle Verantwortung von sich weist (»When I'm fucking you I’m thinking about her«), wünscht man sich mitunter, sie könnte ihren Auftrag zu Ende bringen und ihn endlich erschießen. Selbst der verpatzte Ausbruch Ishidas am Ende bietet keine Befreiung.

Die Gefühlswelt dieses Dramas ist schonungslos real, ganz im Gegensatz zur Handlung. Niemand erfährt, wie Ryu zur Killerin geworden ist oder warum sie bereit ist, pausenlos abgehört zu werden, was die Story an sich nicht gerade plausibel macht. Real wird es zum einen durch die genaue Beobachtung zwischenmenschlicher Beziehungen und zum anderen durch starke Sinneseindrücke – nackte Körper, weiche Brüste, glitschiger Fisch, das Schlürfen der Suppe. Sehr kunstvoll, aber nichts für Eskapisten. 2010-07-12 12:28

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #59.

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