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Eine Karte der Klänge von Tokio

Map of the Sounds of Tokyo. E 2009. R,B: Isabel Coixet. K: Jean-Claude Larrieu. S: Irene Blecua. P: Mediapro, Versátil Cinema. D: Rinko Kikuchi, Sergi López, Min Tanaka, Manabu Oshio, Takeo Nakahara, Hideo Sakaki, Jun Matsuo, Joan Potau u.a.
109 Min. Alamode ab 5.8.10

Tokyo Story

Von Daniel Bickermann Der Umgang mit der streng-formalistischen japanischen Kultur hat schon viele westliche Filmemacher zu neuen Einsichten über die eigene Kultur oder gar über die conditio humana allgemein geführt: Clint Eastwood, Sofia Coppola, Paul Schrader und viele andere haben stilistisch faszinierende Annäherungen an dieses geheimnisvolle Land mit einem der reichsten visuellen Stile der Welt unternommen.

Die Spanierin Isabel Coixet hat bei ihrem Ausflug in die Wiege der Sonne aber zwei andere Vorbilder gewählt: Zum einen den kühlen Ästhetizismus eines Wong Kar-wai, zum anderen und vor allem Wim Wenders, der sich schon bei Bis ans Ende der Welt und Tokyo-Ga nach Fernost wagte. Die Parallelen der Karte der Klänge von Tokio zum deutschen Weltenbummler sind tatsächlich unübersehbar: Wie in Lisbon Story gibt es einen Tontechniker, der die »Soundscape« einer Stadt aufzeichnet; und wie in Der amerikanische Freund hat Coixet einen meditativen Killerfilm gedreht, ganz gegen den Strich dieses sonst so kinetischen Genres.

Wong und Wenders, das sind beim näheren Hinsehen zwei ähnliche Filmästheten. Beide haben in Christopher Doyle und Robby Müller ihre legendären Kameramänner, und Coixets Stamm-DOP Jean-Claude Larrieu gibt hier einen starken Antrag ab, in diesen illustren Kreis aufgenommen zu werden: Kaum jemand beherrscht derzeit das Spiel mit Filtern so elegant, schafft so harte, elegante Kanten und Kadrierungen, tanzt einen so leichtfüßigen und doch bestimmten Rhythmus aus Handkamera und Kunstfotographie. Auch den Fokus auf anachronistische Populärmusik könnte Coixet von den beiden Meistern abgeschaut haben, sie mischt aufwühlende Neo-Klassik mit melancholischem J-Pop und einer Wenders-Lieblingsband wie Antony & The Johnsons.

Selbst mit in diese wundervoll stimmige Mischung bringt sie eine Überraschung, für die sie zu Unrecht scharf angegangen wurde: Die Verfilmung der sexuellen Leidenschaft, die sie bei ihrer unterschätzten Philip-Roth-Adaption Elegy erstmals ausprobierte, treibt sie immer noch um. Die Details des gierigen Liebesspiels ihrer beiden suizidalen Protagonisten interessieren sie sehr; daraus entstehen aufwühlende Szenen voller Zärtlichkeit und doch ohne Hoffnung. Selten tropfte der japanische Regen so melancholisch.

Rinko Kikuchi überzeugt restlos als außen kalte, innerlich aber schreiende Femme Fatale, und auch Takeo Nakahara als gnadenlos reservierter Geschäftsmann am Rande des Nervenzusammenbruchs ist eine echte Entdeckung. Beide können so abrupt von totaler Kontrolle in totalen Kontrollverlust umkippen, wie es seit jeher nur japanische Meisterschauspieler beherrschen.

Wie bei Wenders oder Wong Kar-wai wird mancher die melancholische Ästhetik mit leerer Parfumreklame verwechseln, aber das verwechselt Ursache und Wirkung – großes Emotionskino brauchte sich noch nie für seine eigenen Epigonen zu rechtfertigen. Und genau das ist dieser berauschend schöne, brillant vertonte und zutiefst ergreifende Film: großes Emotionskino. 2010-07-12 12:28

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