Die zweite Dimension
Von Sebastian Gosmann
Mit Frederik Feinermann konfrontiert uns Maximilian Erlenwein mit einem der komplexesten und interessantesten Charaktere, die der deutsche Film in den letzten Jahren hervorgebracht hat. Unverhohlen präsentiert er uns gleich zu Anfang seines Langfilmdebüts einen Stalker beim Ausleben seiner Obsession. Damit verleiht er seinem Protagonisten von vornherein den Status eines Sonderlings und veranlaßt den Zuschauer dazu, Frederiks gesamtes weiteres Handeln immer auch im Lichte dieser pathologischen Disposition zu betrachten.
Erlenwein fügt seiner Figur eine weitere, individuelle Dimension hinzu und hebt sich so angenehm ab vom blind-reaktionären Kino beispielsweise eines Hans Weingartner. Anders als etwa in dessen Erfolgswerk
Die fetten Jahre sind vorbei sind es hier nicht allein die Gesetzmäßigkeiten der kapitalistisch strukturierten Gesellschaft, deren zwischenmenschliche Kälte und moralische Degeneriertheit einen braven Bürger zum kompromißlosen Gewalttäter mutieren läßt. Die quälende Einsamkeit, in der Frederik Feinermann jeden Tag nach Dienstschluß versinkt und die sich in der gezwungen ungezwungenen Plauderei mit seiner polnischen Putzfrau auf grausam-skurrile Weise manifestiert, hat andere Ursachen.
Die Raffinesse und Entschlossenheit, mit der Erlenwein beide Motive miteinander verquickt, ist dabei ebenso bemerkenswert wie die Selbstverständlichkeit, mit der er Frederik am Ende die Verwirklichung seines großen Traumes verwehrt. Mit seinem gelungenen Abschlußfilm empfiehlt sich der dffb-Absolvent als eigenwilliger und mutiger Autorenfilmer, an dem das deutsche Kino noch Freude haben wird.
2010-01-12 13:24