Odd Couple
Von Nikolaj Nikitin
Odd Couples und Buddy Movies gehören sicherlich zu den beliebtesten Subgenres der Filmgeschichte – seien es Jack Lemmon und Walther Matthau, die brillante französische Variante Pierre Richard und Gérard Depardieu oder der Klassiker Laurel und Hardy. Oft besteht das Duo aus dem gutmütigen Naiven (bürgerliches Elternhaus und solider Job, aber voller Einsamkeit und Selbstzweifel), der der aufregenden Welt des durchgeknallten, sympathischen und halbseidenen Draufgängers (in Dramen dann auch wirklich böse und kriminell, in Komödien immer doch mit dem Herzen am rechten Fleck) zu erliegen und an der »Bad Influence« zu scheitern droht. Eine ganz so einfache Figurenkonstellation liegt bei
Schwerkraft nicht vor – auch wenn wir es auf den ersten Blick mit einem soliden Bankangestellten und einem aggressiven Ex-Knacki zu tun haben. Denn der Bankangestellte ist alles andere als solide und der Ex-Knacki anscheinend doch ganz okay und will bloß seine Bar mit Bühne und wird seinerseits vom braven Banker zum Verbrechen »verführt« – doch auch hier trügt der Schein. Das Spiel mit Rollen, Klischees und Figurenkonstellationen macht den Reiz des Regiedebüts
Schwerkraft aus, das zudem visuell sehr wohldurchdacht und überzeugend temporeich umgesetzt ist. Die Bilder, vor allem der fulminante Anfang und das zum Glück humorvoll-zynische Ende (statt eines moralisch erhobenen Zeigefingers), bleiben einem lange im Kopf.
Zudem darf dem Regisseur hoch angerechnet werden, daß er immerhin versucht, durch die Figur des kopflosen Bankers, der, statt seiner Arbeit nachzugehen, lieber CDs hört, dabei Gewaltphantasien gegen seinen Chef entwickelt und in einer grandiosen Szene seine nervige Büronachbarin anfährt, eine durchaus aktuelle Systemkritik an der Finanzbranche in die Geschichte einzubringen, auch wenn diese nicht komplett durchgezogen wird.
Schwerkraft erinnert aufgrund seines dynamischen Inszenierungsstils, der Bildsprache, der Montage und des Musikeinsatzes eher an amerikanische Vorbilder denn an deutsche Debüts, und interessanterweise haben beide Protagonisten auch angelsächsische Namen: Vince und Frederik – und nicht deutsch Friedrich. So erinnert die von Fabian Hinrichs gespielte Figur des Frederik auch eher an Michael Douglas in
Falling Down und vor allem an Edward
Fight Club Norton als an Daniel Brühl in
Die fetten Jahre sind vorbei. Frederik bedeutet übrigens »friedlicher Herrscher«; charakterisiert in unserem Fall die Figur aber geradezu paradox. Auch die von Jürgen Vogel gespielte Figur Vince hat wenig von einem Sieger. Als Sieger kann sich hingegen Maximillian Erlenwein mit seinem Regiedebüt schon fühlen – jetzt heißt es aber für ihn, nicht der Schwerkraft zu erliegen, aber auch nicht abzuheben, sondern einen gelungenen zweiten Kinospielfilm vorzulegen.
2010-01-12 13:22