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Das weiße Band

D/A/F/I 2009. R,B: Michael Haneke. K: Christian Berger. S: Monika Willi. P: Wega-Filmproduktion, X Filme Creative Pool. D: Susanne Lothar, Christian Friedel, Burghart Klaußner, Ulrich Tukur, Josef Bierbichler, Branko Samarovski, Birgit Minichmayr u.a.
144 Min. X Verleih ab 15.10.09

Am Pranger

Von Kyra Scheurer »Antlitze des 20. Jahrhunderts« heißt ein Bildband von August Sander, und natürlich sind die Aufnahmen schwarzweiß. Ähnlich historisch anmutende Bildkompositionen finden 2009 ihren Weg auf die Leinwand – das kristalline Schwarzweiß aber ist unnatürlich kontrastreich, digital nachbearbeitet und gewollt kühl, jede Sinnlichkeit vermeidend und doch hypnotisch. Immer wieder öffnen diese Bilder von surrealer Tiefenschärfe den Blick aus dunklen Innenräumen auf weite Landschaften. Kunstvoll komponierte Tableaux bebildern den Wechsel der Jahreszeiten, endloser Horizont suggeriert eine Weite, die den Figuren sogleich wieder genommen wird, die in engen Räumen streng abgezirkelte Wege zurücklegen. Eine irritierende Kombination, ein irritierender Film – der neue Michael Haneke.

Deutschland 1913/14, kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs: In einem protestantischen Dorf im Norden herrscht das übliche spätfeudalistische Gefüge von Autoritäten, Abhängigkeiten und einem subtilen Strafsystem, das vom Baron über den Bauern hin zum polnischen Leiharbeiter alle Beziehungen durchdringt und vor allem die Kinder prägt. Während der Dorflehrer in seiner warmherzigen Art einen zaghaften Gegenpol setzt, bestraft vor allem der Pastor häufig, gern und ohne Nachsicht: Auch für geringe Vergehen läßt er seine Kinder wochenlang ein weißes Band zur Erinnerung an die Tugend tragen und seine häuslichen Predigten sind ebenso gefürchtet wie die Hiebe mit dem Ochsenziemer. Der so geordnete Alltag zwischen Arbeit, Gebet und Schule gerät in Unruhe, als sich mysteriöse Unfälle häufen und schließlich zu einer Reihe von Verbrechen werden, die sich im Laufe eines Jahres im Dorf zutragen und deren Täter im Dunkeln bleiben.

Michael Hanekes neuestes Werk durchdringt mit hoher historischer Genauigkeit ein geschlossenes autoritäres System, die Welt der »schwarzen Pädagogik«, die Grundsteinlegung für den »autoritären Charakter«: Der Film mit dem symptomatischen Untertitel »Eine deutsche Kindergeschichte« untersucht die offensichtlichen und unterschwelligen Machtstrukturen in Familien und Dorfgesellschaft und die Verinnerlichung von Werten durch die Kinder und porträtiert so eine Generation, die dem Faschismus entgegentreibt. Ganz allmählich wird hier ein Mikrokosmos aus Demütigung, Drohung, Denunziation enthüllt, wird die Wurzel von Terror und Gewalt bloßgelegt. Die Herausstellung von obrigkeitsstaatlichem Denken als Erklärung für den Ersten und auch den zum Zweiten Weltkrieg führenden Faschismus ist nicht neu, und wurde vor allem in der Literatur – von Heinrich Manns »Untertan« bis zu Remarques »Im Westen nichts Neues« – oft eindringlich beschrieben. Haneke aber bricht diese Dynamik in die kleinsten Einheiten der Dorf-, Klassen- und Familiengemeinschaft herunter und zeichnet ein schichtübergreifendes soziales Panorama, in dem sich die systematische Brutalität jeweils gegen die Schwächeren richtet: Frauen und Kinder werden gedemütigt und mißbraucht, »Gesundheit« besiegt Behinderung, »Reinigung« soll durch körperliche Strafen erreicht werden.

Für diesen Ensemblefilm wählt Haneke – obwohl der Stoff eigens für Film bzw. Fernsehen entwickelt wurde – eine Erzählweise in der Tradition klassischer Literaturverfilmungen. Mittels der stilistisch an Literaten wie Theodor Fontane orientierten Voice Over übernimmt der retrospektiv berichtende Lehrer die Funktion des Erzählers und damit auch die des Protagonisten, doch die eigentliche Hauptfigur ist das Dorf: Die Erzählung bewegt sich langsam von Hof zu Hof, etabliert Machtverhältnisse in der Gemeinde und zeigt, wie diese mit den Ereignissen konfrontiert wird. Das erlesene Deutsch der historischen Dialogsprache allerdings bricht Haneke gezielt durch sprachliche Modernismen – eine Technik die nicht immer überzeugt. Seine dennoch weitgehend ungebrochene erzählerische Sogwirkung entfaltet dieser Film langsam, aber nachhaltig – gestützt von dramaturgisch gekonnt platzierter Realmusik, die wie so oft bei Haneke in doppeltem Sinne verwendet wird: als Untermalung, Kontrapunkt und Illustrierung einerseits, aber auch als Kommentar des Geschehens. Da singt der Schlußchor nach dieser Fallstudie zu Protestantismus und Arbeitsethik, zu Religion und Gewalt dann Martin Luthers Kirchenlied »Ein feste Burg ist unser Gott«, das schon Heinrich Heine als »Marseiller Hymne der Reformation«, Friedrich Engels gar als »Marseillaise der Bauernkriege« bezeichnete und das im filmischen Verwendungszusammenhang auch textual eine paßgenaue Klammer zum abschließend berichteten Ausbruch des Ersten Weltkriegs bildet. Präziser kann man einen Film nicht enden lassen. 2009-10-05 18:26

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