Von Nikolaj Nikitin
Was bei Oedipus Wrecks noch als hervorragende postmoderne Verarbeitung des Ödipus-Mythos funktionierte, erweist sich bei Geliebte Aphrodite als unstrukturierte, nicht stringente Verarbeitung des AphroditeMythos. Zwar ist Mira Sorvino Woodys Kopf entsprungen, wie einst Aphrodite Zeus', doch ist seine Busenmusenschöpfung leider nicht fesselnd genug, im Gegensatz zu den angedeuteten Sexpraktiken der modernen »Sexgoddess« Aphrodite (= Linda Ash = Judy Cum = Mira Sorvino).
Allens Stärke bei der freien Adaption von russischen Romanklassikern, wie zum Beispiel Tolstois »Krieg und Frieden« oder Dostojewskijs »Schuld und Sühne«, überträgt sich leider nicht auf die allzu plakative Verarbeitung der griechischen Tragödie eines Sophokles.
Zu einfach und einfallslos wirkt der Einsatz des Chors, dessen Sprecher (F. Murray Abraham) nach altbekanntem Muster die Geschichte kommentiert. Halbwegs amüsant erscheint da höchstens der Auftritt des blinden Sehers, der Woody auf die richtige Fährte lockt. Die Besetzung ist exquisit wie in jedem Allen (Sorvino bekam zu Recht den Oscar, wie Dianne Wiest bereits im letzten Jahr). Der Film hat jedoch eindeutig Längen und nervt teilweise sogar ein bißchen. Wenn am Anfang zum Beispiel in der typisch woodyesken Manier über das Thema »Kinderkriegen oder nicht« diskutiert wird, erinnert man sich zwar an die guten alten Filme (Woody begegnet Frau K.), aber es erscheint im Endeffekt als banales Eigenzitat ohne die dazugehörige Vitalität und Esprit (Woody meets Goofy!?!).
Man hat auf jeden Fall das Gefühl, der Regisseur sei »mainstreamiger« geworden, bzw. vielleicht verbraucht und erschöpft. Außer den überreißten Mythenanspielungen fehlen die zahlreichen Literaur, Film- und allerlei Kulturgeschichszitate, also all das, was einen Allen auf der Metaebene so spannend macht (kurzes Aufleuchten vergangen Glanzes ist die Szene in der Woodys Paranoia mit Stalins verglichen wird).
Konzipiert für ein einfacheres Publikum, kein Marshall McLuhan, keine Sexualphantasien mit Schafen und keine Romanciers der früheren Werke. Das Schönste an dem Film ist die Tatsache, daß man Mia Farrow nicht sieht (dies sollte zur Regel werden). Hoffentlich wird Woody nach diesem Ausrutscher wieder zur alten Form auflaufen (sein Jahresrhythmus ist bewundernswert). Nachdem Bond uns schon enttäuscht hat, ist er die einzige Konstante in der abendländischen Filmkultur. Keep smiling!
1970-01-01 01:00