Von Oliver Baumgarten
Mit reichlicher Verspätung kommt sie nun endlich zu uns, die
Geliebte Aphrodite. Schon die ersten Akkorde der
Alexis Sorbas-motivierten Musik kündigen noch während des lange liebgewonnenen Allenschen Minimalistenvorspanns das an, was der Titel schon verspricht: griechische Mythologie und griechisches Drama. Mit allerlei überspitzten Elementen jener Kultur würzt Allen seine Geschichte, in der sich Sportreporter Lenny (Woody Allen) aufmacht, die Mutter (Mira Sorvino) seines Adoptivsohnes zu suchen, nachdem seine Ehe mit Amanda (Helena Bonham Carter) in eine Krise geraten ist.
Diese an sich klassisch tragische Handlung wird nun von einem Chor begleitet, wie er im griechischen Drama üblich war. Dieser erfüllt zunächst seinen üblichen Zweck, übernimmt die Exposition, kommentiert und bewertet Lennys Handlungen. Doch im Laufe der Geschichte werden Darstellung und Funktion des Chors immer skurriler. Erscheint er zuerst nur in einer verwachsenen Amphitheater-Ruine, taucht er später immer wieder auch in der New Yorker Handlung auf oder empfängt, quasi im Gegenzug, die Figuren bei sich in der Arena. Die choreographierten, überhöht theatralischen Gesten und Bewegungen des Chors gipfeln am Ende gar in einer Musicaleinlage und verweisen somit in einem sympathischen Vorgriff auf Allens (bereits fertiggestellten) nächsten Film
Alle sagen: I Love You, ein reines Musical (mit Julia Roberts!).
Im weiteren Verlauf mischen zudem immer mehr mythologische Figuren mit, so die Iokaste (gespielt von Olympia Dukakis) oder der blinde Seher Teiresias (Jack Warden), der bei Allen natürlich seine Blindheit nur vortäuscht, um auf der Straße effektvoll Almosen zu erbetteln. Auch der in die Handlung zu Hilfe eilende Chorleiter, der es aus der griechischen Tragödie ja so gewohnt ist, wird von Lenny kurzerhand zum Stifthalter degradiert. Und so persifliert Allen mit sichtlichem Vergnügen immer weiter die klassischen griechischen Dramenstrukturen und gewinnt den antiken Figuren der Mythologie ganz neue, moderne Seiten ab. So wie Allen in einer Szene den antiken Gott Zeus modernisiert erscheinen läßt und dem Terminus »deus ex machina« damit einen ganz neuen Sinn verleiht, so huldigt er auch in diesem Film wieder den modernen Göttern, »seinen« Göttern, indem er seinen Sohn anfangs Groucho oder wenigstens Thelonious nennen möchte.
Schließlich die Göttin der Schönheit: Aphrodite. Anmutig, lieblich, süß... Allens Aphrodite fällt da doch etwas derber aus: eine üppige Blondine, hübsch zwar, doch ordinär, nicht zwingend intelligent, verdient sich ihren Modeschmuck durch Prostitution. Diesmal ist es Mira Sorvino, die davon profitiert, daß Allen immer wieder großartige Frauenrollen konzipiert. Woody Allen ist, neben Ingmar Bergman, der Filmemacher, der konstant die interessantesten Frauenrollen schreibt und seine Schauspielerinnen offensichtlich immer wieder hervorragend zu führen versteht. Nicht nur die Leistungen seiner ausdrücklichen Lieblingsschauspielerinnen wie Diane Keaton, Dianne Wiest oder Judy Davis, sondern auch die der »Entdeckungen« wie Mira Sorvino beweisen dies. Überhaupt ist das Besetzungstalent von Allen und seiner vom ersten Film an mit ihm arbeitenden Casting-Agentin Juliet Taylor erneut bemerkenswert. Die Besetzung jeder kleinen Nebenrolle scheint gewohnt sorgfältig überlegt und wird, wenn nicht mit namhaften, so doch mit stets überzeugenden Akteuren besetzt.
Die langjährige Zusammenarbeit mit Kameramann Carlo DiPalma und Cutterin Susan E. Morse ließ eine ganz eigene Bildsprache entstehen, deren wohl bekanntester Ausdruck sich in Dialogen widerspiegelt (Ignorieren des Schuß-Gegenschuß-Prinzips; eine Figur, manchmal gar beide, laufen aus dem Bild etc.).
Geliebte Aphrodite hat somit alles, was an Woody Allen Spaß macht, und bietet neben dem gewohnt intelligenten Humor trotzdem innovative Erzählstrukturen.
Er zeigt's uns allen: Woody als neurotischer Gottsucher.