Roy und wie er die Welt sieht
Von Sebastian Gosmann
»Man is man’s delight.« Davon ist Roy Andersson fest überzeugt. Daß der Schwede dieses knappe Zitat aus der antiken isländischen Literatur zum Leitgedanken für die Arbeit an seinem neuen Werk machte, offenbart sich in jeder einzelnen seiner präzise ausgearbeiteten Bildkompositionen. Nichts soll den Blick verstellen auf das Wesentliche: den Menschen. Die karg eingerichteten Kulissen gewähren dem starre(nde)n Kameraauge freien Blick auf die leichenblassen Gestalten. Nur für wenige Minuten verweilt Andersson bei ihnen. Doch die reichen vollkommen aus, um uns – Tableau für Tableau – ebenso illustre wie erschreckende Beispiele dafür zu geben, wie es aus seiner Sicht um den modernen Menschen bestellt ist.
Doch was ist mit dem Entzücken, von dem eingangs die Rede war? Jenes weiß, neben der faszinierenden visuellen Gestaltung des Films, vor allem Anderssons zumeist abgründiger Humor hervorzurufen. Dabei nehmen diese kleinen Häppchen perfekt getimter Alltagskomik bisweilen gar Loriotsche Züge an.
Du levande, in Deutsch etwa: »Ihr, die Lebenden«, heißt der Film im Original. Damit spricht Andersson sein Publikum direkt an. Immer wieder blicken seine Figuren in unsere Richtung, machen keinen Hehl daraus, Teil dieser fremdartigen Bildanordnungen zu sein. Von Kummer und Verzweiflung geplagt klagen sie uns ihr Leid, doch ihre Sehnsucht nach Besserung der Lebensumstände sind sie nicht fähig zu befriedigen. Zu feindselig, zu selbstsüchtig sind die Menschen, als daß sie das verdient hätten, zu rücksichtslos im Umgang miteinander. Ein ausgebrannter Psychiater ist es schließlich, der die Hoffnung auf Seelenheil endgültig begräbt. Unverblümt prangert er die Kaltschnäuzigkeit seiner Patienten an, mit welcher sie tagtäglich von ihm verlangen, zu glücklichen Menschen gemacht zu werden. Müde spricht er sein bitteres Fazit in die Kamera: »Ich habe aufgehört, es zu versuchen. Es ist unmöglich. Heute verschreibe ich nur noch Pillen. Je stärker desto besser.«
2008-01-28 10:24