Die unerträgliche Albernheit des Seins
Von Daniel Bickermann
Man denke zurück an die triste Sozialtragödie, die Woody Allens Alter ego Sandy Bates in
Stardust Memories drehen wollte: Das grausige Ende, das die häßlichen Figuren ziellos auf eine kalte Müllkippe führte, wo sie dann nichtsnutzig bis zum Blackout herumstanden, wurde vom Filmstudio, im verzweifelten Versuch, doch noch eine Komödie draus zu basteln, mit fetzigem New Orleans-Jazz unterlegt. Das groteske Ergebnis, das der Zuschauer leider nur wenige Sekunden zu sehen bekam, scheint Vorbild für den filmischen Stil Roy Anderssons zu sein.
Jeder erinnert sich an seinen ersten Roy Andersson-Film: Vielleicht war es der atemberaubend hoffnungslose Kurzfilm
World of Glory, nachts um halb zwei auf Arte, nichts Böses ahnend. Oder die bitterkalte Sozialsatire
Songs from the Second Floor, in einem kleinen Kino, mit Freundinnen, die danach plötzlich in Tränen ausbrechen und sich schnell entschuldigen. Wie nach der ersten Kafka-Lektüre ist auch nach dem ersten Andersson-Film die Welt nicht mehr die gleiche: So fremd- und abartig seine Visionen scheinen, so schnell stellt man verstört fest, daß sie uns in Wahrheit hinter jeder Ecke wiederbegegnen: die halbgeöffneten Türen, hinter denen feindselige Menschen lauern; die langsamen Bewegungen von scheinbar unendlicher Mühseligkeit; die unerträgliche Albernheit der formalisierten Gesellschaftskonventionen; die gedämpfte, unpassende Musik, die aus dem Nebenzimmer zu kommen scheint; jene verwirrenden Momente, in denen die Welt wie aus grauen Kulissen zusammengeleimt wirkt.
Technisch hat Andersson seinen Stil perfektioniert: Ohne jede Kamerabewegung, mit ausgeblichenen Farben, milchigem Licht und kristallklarer Tiefenschärfe stellt er jede Einstellung wie ein gerade entstehendes Gemälde auf die Leinwand. Viele davon erinnern an Gregory Crewdsons kryptische Fotographien, in denen halbbeleuchtete Menschen in unangebrachten Situationen plötzlich weinen oder nackt sind. Aber es sind die kleinen narrativen Details, die besonders verstören: Das ungerührte Popcornmampfen bei der öffentlichen Hinrichtung, die Bierkrüge auf der Richterbank, das Wandbild, das ins Aquarium plumpst. Ein Mann baut in mühseligen Bewegungen einen Stuhl auf, um mit einem Besenstiel gegen die Decke zu klopfen. Als er nach endlosen Minuten endlich alles fertig hergerichtet hat, bricht beim ersten Schlag sein eigener Kronleuchter herunter. Die Welt ist scheiße und gemein, aber auf eine hinterhältige Weise auch sehr lustig.
Den Darstellern wird in einem solchen Film alles abverlangt. Die Legende besagt, daß der kleinwüchsige Michael J. Anderson einst den schönen Fehler beging, David Lynch vor einer
Twin Peaks-Traumsequenz zu fragen, woher die Figur denn vor der Szene komme und wohin sie danach gehe. Lynch soll ohne Wimpernzucken geantwortet haben, daß eine Figur außerhalb der Szene nicht existiere, nur für diesen Moment geboren werde und direkt nach dem Schnitt stürbe. Ähnlich muß sich das Ensemble in
Das jüngste Gewitter fühlen: Bei Aufblende der minutenlangen Tableaus stehen, sitzen oder liegen sie bereits bleichgeschminkt und starr auf ihren Positionen, meist mit Blick auf den Zuschauer, erklären sich und ihr Leben oder wiederholen wie fleischgewordene Subtexte ein paar absurde Phrasen lang, bis sie komisch und tragisch geworden sind, meist beides. Der Betrachter begreift schnell, daß es mit Froschregen hier nicht getan ist – um diese Menschen von ihren Sünden reinzuwaschen, muß schon Gottes Vergeltung selbst vom Himmel regnen. Oder ein Bombenteppich wenigstens, wie es einer der Figuren zu Beginn des Films vorschwebt.
Neu an
Das jüngste Gewitter ist, daß die Charaktere ihre Hoffnungen und Träume auch schon mal singen, mit schluchzenden Stimmen zu besagter Jazzmusik. Und zwischen all den Albträumen verstecken sich plötzlich auch wahre Idyllen von der Hochzeit mit Rockstars, von der sozialen Umverteilung durch Taschendiebstahl und anderen tröstlichen Konzepten. Dazu schleichen sich sogar einige, wenn auch praktisch unmerkliche Zoombewegungen in den ansonsten so starren Inszenierungsstil ein – in Anderssons Kosmos ist das geradezu ein Zeichen von Frivolität. Überhaupt gemahnt der Film, gerahmt vom einleitenden Goethe-Zitat und apokalyptischen Abschlußbild, an eine trotzige Lebensfreude: Der Bombenteppich kommt bestimmt, bis dahin kann man sich auch genausogut an dem erfreuen, was man hat. Und vielleicht ein wenig Jazz spielen.