Von Daniel Hermsdorf
Stil ist eine Klaviatur, die immer anders klingen muß. Der Tonsetzer gehorcht den Tasten, nur in ihrer Kombination ist er frei. Auch David Lynch hat nur diese Freiheit, und
Lost Highway ist ein düsteres Stelldichein seiner Ideen. Die Verwandlung, das Unaufhaltsame, der Traum ohne Zeit, die höllische Spritztour, der heimliche Blick, der eklige andere, der Teufel vielleicht. (Die Eltern haben in
Twin Peaks ausgeheult.) Da sind das Feuer, die Autos, die monströsen Kanonen, die man in Unterhosen steckt. Und da ist ein Leben, dessen Brüchigkeit bei Lynch die Logik, die Psyche und – anfallartig – auch die Kamera derangiert.
Gleichwohl ist dieser Bildertunnel hermetisch. Auf der Kino-Kirmes steuert Lynch die Geisterbahn, und die erprobten Tricks (gespaltener Schädel) sind die besten. Trotz einer dominanten Inszenierung, die in jeder Bewegung, jedem Ton mitzuschwingen scheint, zerfällt
Lost Highway absichtsvoll in der Erinnerung. Erzählung ist bei Lynch bis an die Grenze des ausreichend Verkäuflichen von einem somnambulen Hirn dirigiert, das nicht genau weiß, wie es hierher gekommen ist und immer aufs neue erschreckt sein darf.
Fred Madison durchlebt Paradoxa und Absurditäten: ein hektisches und grelles Saxophonsolo im Stroboskoplicht zu Beginn ist umflossen von einem trägen Alp, in dem sich häufig ein »Mystery Man« an der Realität zu schaffen macht – häufig stumm und im Hintergrund. Madison erhält Videoaufnahmen von unbekannter Hand, die ihn und seine Frau Renee schlafend zeigen. Eines Tages ist sie tot und Madison möglicherweise zu Unrecht ein Kandidat für den elektrischen Stuhl.
In Lynchville gibt es neben Katastrophen jedoch auch Wunder, und so entläßt man ihn, verwandelt in den Automechaniker Pete Dayton, in einen Traum, der zunächst so aussieht wie der umzäunte Garten in
Blue Velvet. Als Dayton verliebt Madison sich in dieselbe Frau, die nun Alice Wakefield heißt, blonde Haare trägt und Mr. Eddys Geliebte ist. Die Musik, die Madison gemacht hat, erträgt Dayton nicht einmal im Radio. Von Alice läßt er sich zu einem Mord anstiften, flieht mit ihr und findet nur die Gestalt seines zuschanden gerittenen Ichs wieder – Fred Madison.
Madisons Welt ist so strukturiert, wie eine Situation, die er mit dem Mystery Man erlebt: Dieser steht zugleich neben ihm und ist am anderen Ende der Telefonleitung, und sein Haus in der Wüste explodiert rückwärts.
Mit
Lost Highway ist David Lynch eine geschlossene Form des Erzählens geglückt, die in sich und auch im Werk des Regisseurs komplett funktioniert. Seine durchdachte Kohärenz mag die Zuschauer zurückgewinnen, die sich der seriellen Fernsehgewohnheit widersetzten, die
Twin Peaks mit allen Weihen der Selbstreferentialität und Brüchen der Erzählkonvention dennoch forderte. Und die Kontinuität von Lynchs Zeichensystem, das schablonisierte Böse, die Zitat-Mythologien aus Film noir und Markenartikeln und die in früheren Werken etablierten narrativen Vokabeln erscheinen ebenso als Möglichkeit der Kritik wie als Stilbeweis.
Lynchianern wird
Lost Highway ein Königsweg sein, ein motorisiertes Möbiusband, eine verschachtelte Formel der Hölle, die man ist.
1970-01-01 01:00