Freundinnen fürs Leben
Von Tamar Noort
Freundinnen können füreinander lügen. Sie können Welten in Bewegung setzen, um sich gegenseitig zu schützen, und ihre Treue gilt mehr als jedes pompös gegebene Eheversprechen. Ihre Freundschaft nährt sich aus Gemeinsamkeiten ebenso wie aus Unterschieden – auch die größten Gegensätze finden eine gemeinsame Basis. Die Wellenlänge, die eine Freundschaft zum Zaubern bringt, speist sich eben eher aus Magie als aus Vernunft. Wer weiß schon, warum Freundschaft entsteht? Warum zwei füreinander durchs Feuer gehen?
Bei Gabita und Otilia sind es die Unterschiede, die als erstes ins Auge fallen. Schon in der ersten Szene des Films setzt sich der Gedanke fest, daß die beiden jungen Studentinnen so ziemlich nichts gemeinsam haben. Gabita sitzt auf dem Bett, sie drückt eine letzte Zigarette aus und schaut verloren in die Welt. Die beiden wollen offensichtlich verreisen, doch Gabita ist nicht vorbereitet. Hat sie Seife gekauft? Die Zigaretten fehlen noch. Dennoch bleibt sie sitzen, sie belegt beharrlich den Platz auf dem Bett, als wäre dies der einzig sichere Ort auf der Welt, ein unerschütterliches Refugium, ein sicheres Floß in den reißenden Fluten des Lebens. Fürs Paddeln ans Ufer fühlt sie sich nicht zuständig. Das übernimmt schließlich Otilia für sie. Otilia, die durchs Wohnheim wirbelt, um letzte Vorbereitungen zu treffen, Seife besorgt, Zigaretten kauft und ein aufmunterndes Wort findet. Otilia ist die Handelnde, während Gabita sich das Träumen erlauben darf. Mit der naiven Unschuld eines Kindes setzt Gabita sich als Mittelpunkt der Welt – sie hört ausschließlich auf die eigenen Bedürfnisse. Verantwortung übernehmen, das ist ihre Sache nicht. Sie sitzt die Dinge lieber aus.
Das bedeutet für Otilia, daß sie zwei Leben zu leben hat: Sie lenkt nicht nur ihr eigenes in vernünftige Bahnen, sondern das ihrer besten Freundin gleich mit. Gabita ist in Schwierigkeiten, und Otilia hilft ihr – bedingungslos. Die beiden studieren, sie hoffen auf ein besseres Leben als das ihrer Eltern – doch Gabita hat nicht aufgepaßt. Sie ist schwanger, der Typ auf und davon, und von ihrer rosigen Zukunft bliebe ihr als alleinerziehende Mutter nichts. Otilia soll die Sache regeln, doch von Beginn an geht alles schief. Für Gabita ist es selbstverständlich, daß Otilia sich ihrer annimmt, als ginge es um ihr eigenes Leben – sie überläßt ihr die schwierigsten Parts. Otilia nimmt Kontakt auf zum Mann, der ihnen helfen kann, sie sucht das Hotelzimmer, treibt das nötige Geld auf. Sie bügelt Gabitas Fehler aus.
Mehr und mehr wird Gabitas Leben zu Otilias, immer weniger gelingt es Otilia, sich zwischen ihrer beider Leben aufzuteilen. Ihre Hilfe gerät zu einer Zerreißprobe, die beide Welten zu zerstören droht, jene, in der sie Gabita hilft, und jene, in der sie ihren eigenen Weg geht.
Als sie dem Bitten ihres Freundes Abi nachgibt und tatsächlich beim Geburtstag seiner Mutter erscheint, obwohl sie an Gabitas Bett sitzen sollte, hat sie die Grenze längst überschritten: Sie paßt nicht hinein in die Feiergesellschaft, sitzt wie ein Fremdkörper eingeklemmt zwischen sich jovial zuprostenden Gästen. Otilias eigenes Leben tritt zurück, sie fühlt, daß ihr Platz in dem Moment an Gabitas Seite ist. Unerschütterlich will Otilia jeden Sturm von Gabitas zartem Wesen fernhalten, sie möchte Ordnung schaffen in deren chaotischem Dasein – doch sie steht ganz alleine da. Denn solange sie immer wieder die Falten glättet, die Gabitas Unbedarftheit gelegt hat, ruht ihre Freundin im sicheren Vertrauen, daß Otilia es schon richten wird. Otilia selbst bleibt dabei auf der Strecke. Und wer am Ende Otilia rettet – das verrät der Film nicht. Freundinnen können eben nicht nur füreinander lügen. Sie können auch füreinander leben.