Erfolg trotz Reißbrett
Von Nikolaj Nikitin
Eine Faustregel für Oscarnominierungen ist, daß es sich möglichst um historische Ereignisse oder Stoffe handeln soll, die von einem prominenten Autoren niedergeschrieben oder modernisiert wurden, in denen eine Minderheit eine tragende Rolle spielt und möglichst zum Ende hin einer der Hauptprotagonisten stirbt. Viele solcher für den Oscarerfolg am Reißbrett entworfenen Filme haben auch schon das gesteckte Ziel erreicht und die goldene Statue mit nach Hause genommen. Dennoch muß eingestanden werden, daß viele dieser Filme trotz Strickmuster gelungen und überzeugend waren und sowohl beim Zuschauer als auch bei der Kritik funktionierten.
Die Zwillinge ist sicherlich so ein Fall. Obwohl auf einem literarischen Bestseller basierend (Tessa De Loo) und vor der Kulisse des Zweiten Weltkriegs, schafft es der Film, Gefühle und Identifikationsflächen für die beiden Protagonisten zu wecken und den für einen Kinofilm notwendigen Sog zu entwickeln, um den Zuschauer bei der Handlung zu halten. Respekt muß vor allem dem Casting und dem Spiel der Darsteller, die die Zwillinge in verschiedenen Lebensaltern mimen, gezollt werden. Einziger Makel ist die leicht fehlbesetzte, aber als Schauspielerin überzeugende Gudrun Okras als alte Anna, in der sich schwerlich die Leichtigkeit und Grazie der Nadja Uhl entdecken lassen. Eine Entdeckung – zumindest für Deutschland – stellt die bildhübsche Niederländerin Thekla Reuten dar, die heuer von der European Film Promotion auf der Berlinale als Shooting Star vorgestellt wurde. Uhl empfiehlt sich hingegen erneut als eines der spannendsten deutschen Kinogesichter. Flankierend unterstützt werden Uhl und Reuten von starken Nebendarstellern wie Barbara Auer und Roman Knika. Was
Die Zwillinge zudem sehr positiv von ähnlichen am Zeitkolorit orientierten Werken aus der jüngsten deutschen Filmgeschichte unterscheidet, ist die Tatsache, daß sehr lebendig gezeichnete Figuren, deren Biographien und Wandel nachvollziehbar sind, im Vordergrund stehen, die einen wirklichen Konflikt auszutragen haben. Die Zwillinge beschäftigen tatsächlich existenzielle Probleme, die meilenweit entfernt sind von denen manch anderer
Mädchen, Mädchen. Auf Erfolg getrimmte Filme können eben glücklicherweise auch ab und zu als gelungenes Kino überzeugen.
1999-11-30 00:00