Die Zwillinge

De Tweeling. NL/L 2002. R: Ben Sombogaart. B: Marieke van der Pool. K: Piotr Kukla. S: Herman P. Koerts. M: Fons Merkies. P: IdtV. D: Thekla Reuten, Nadja Uhl, Ellen Vogel, Gudrun Okras, Barbara Auer u.a.
135 Min. Kinowelt ab 7.10.04

Das Individuum und die Welt

Von Oliver Baumgarten Einen Film über die Nazizeit zu drehen, ohne den Schrecken explizit zu zeigen und doch das Grauen der Zeit glaubhaft zu schildern, verlangt ein Einfühlungsvermögen in die Figuren, wie es in Filmen nicht oft zu finden ist. In den Lebensgeschichten der Zwillinge spiegelt sich Weltgeschichte, und ihre persönliche Trauer nachzuempfinden heißt, auch die tragischen Zusammenhänge der Welt, in der sie leben, zu begreifen. Ein leichtes wäre es gewesen für die Autoren und Ben Sombogaart, die Tragik mit oberflächlichem Budenzauber zu unterstreichen, mit Tötungsszenen oder illustren Bombenbildern. Der Reiz solcher Mittel ist groß, das läßt sich gerade an vergleichbaren Filmen aus Deutschland belegen, die ihr vermeintliches Ziel als Individualisierung von Weltgeschichte postuliert haben (Aimée und Jaguar, gar Marlene). Die Zwillinge verzichtet hingegen erfolgreich darauf, durch eine straffe Konsequenz in der Dramaturgie, die sich keinen Seitenblick erlaubt und der Kraft der Geschichte vertraut – und letztlich eben auch der Kraft ihrer Illustrierung. Vor allem die Bilder Piotr Kuklas erschaffen diese individuelle Welt der Zwillinge, in die die Zuschauer hineingezogen werden und die verzweifelt neben der universellen zu bestehen versucht. Wäre Kukla den Versuchungen der weltgeschichtlichen Bilder erlegen, die so stark auf der Oberfläche wirken, hätte er die Zwillinge gleich mit verraten. So hingegen bewahrt er das Individuum vor der Vereinnahmung durch die Welt und den Film vor der Banalisierung. 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #36.

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