— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Die Zwillinge

De Tweeling. NL/L 2002. R: Ben Sombogaart. B: Marieke van der Pool. K: Piotr Kukla. S: Herman P. Koerts. M: Fons Merkies. P: IdtV. D: Thekla Reuten, Nadja Uhl, Ellen Vogel, Gudrun Okras, Barbara Auer u.a.
135 Min. Kinowelt ab 7.10.04

Dopplereffekt

Von Tamar Noort In der Antike hat man Zwillingspaare für eine Perversion der Natur gehalten, was dazu führte, daß eines der beiden Neugeborenen in der Regel schlicht getötet wurde, um die Natur zurück ins Gleichgewicht zu bringen und dem Menschen sein Gefühl von Einzigartigkeit zu erhalten. Die Evolution scheint einen Takt ausgesetzt zu haben, sie hat Selbigkeit produziert, wo der Mensch nur Differenz begreifen kann. Deshalb gibt das Zwillingsmotiv gleichermaßen Anlaß zu größter Faszination und tiefster Angst. Das Unheimliche am Zwillingspaar ist nicht nur, daß es sich augenscheinlich um zwei Versionen derselben Persönlichkeit handelt, sondern daß diese beiden Versionen voneinander gänzlich unabhängig agieren. Damit stehen sie aber auch für eine Grenzüberschreitung menschlichen Bewußtseins durch Raum und Zeit und beantworten so eine der tiefsten Sehnsüchte des Menschen.Was den Zuschauer erwartet, wenn er Ben Sombogaarts Zwillingen auf der Leinwand begegnet, ist ebenfalls ein Wechselbad aus Faszination und Angst. Diese Emotionen werden aber von Sombogaart präzise gesteuert und sind keineswegs nur auf die Tatsache zurückzuführen, daß sich der Zuschauer mit einem Zwillingspaar konfrontiert sieht. Vielmehr sind Anna und Lotje zwar zwei unabänderlich zusammengehörende Teile einer Einheit, aber was hier Angst auslöst, sind eher die Unterschiede, die die beiden im Laufe ihres Lebens bitterlich trennen.

Es ist die kleinste Einheit der Familie, die mit wenigen Handgriffen Sombogaarts bereits zu Beginn des Films zerstört wird. Die kleinen Mädchen werden nach dem Tod der Eltern getrennt und wachsen in unterschiedlichen Verhältnissen auf. Lotje wird in die Niederlande gebracht und erhält ein liebendes Elternhaus, das ihr alle Entfaltungsmöglichkeiten bietet. Anna hingegen bleibt in Deutschland und schuftet auf dem Bauernhof ihres lieblosen Onkels. »Anna wohnt bei den Barbaren«, bekommt Lotje zu hören, als sie fragt, warum sie ihre Schwester nicht mehr sehen darf, und Anna wird ausgelacht, wenn sie flehentlich nur den Namen ihrer Schwester erwähnt. Diese Trennung wird vom Mikrokosmos familiärer Umstände in einen größeren Zusammenhang gestellt, als die beiden sich, erwachsen nun, wiedersehen: Europa steht vor dem Zweiten Weltkrieg, die Zeit hat sie zu Kriegsgegnerinnen gemacht. Während Anna aus dem nationalsozialistischen Regime die Hoffnung auf ein besseres Leben schöpft, ist Lotje inzwischen mit Leib und Seele Holländerin und schreibt ihrer Schwester die Schuld am Tod ihres jüdischen Verlobten zu. Hier eröffnet sich zugleich die Faszination, die in dieser Darstellung des Zwillingspaars zum Ausdruck kommt. Anna und Lotje werden in je unterschiedliche, mögliche Welten geworfen; ihre ideologischen Prägungen werden entlarvt als gesellschaftliche Konstrukte, die dem Menschen ein illusorisches Gefühl der Geborgenheit bieten, wenn andere Systeme von Sicherheit nicht mehr greifen. Sombo-gaart spielt anhand dieses Zwillingspaars durch, wie sehr die Konstitution des Selbst mit seinen Meinungen und seiner Positionierung zur Außenwelt von eben dieser abhängig ist.

Auf erzählerischer Ebene bleibt Sombogaart durchgängig ganz nah an seinen Figuren. Seinen hervorragenden Darstellern ist es zu verdanken, daß dieser Film darauf verzichten kann, die Grausamkeit des Krieges explizit zu zeigen. Der Film greift zurück auf das kulturelle Gedächtnis des Zuschauers und läßt diese Bilder aus, um von dem zu erzählen, was ihm wirklich von Bedeutung ist: der Kraft und der Fragilität menschlicher Beziehungen. 1970-01-01 01:00

Weitere Autoren

Abdruck

© 2012, Schnitt Online

Sitemap