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Wir müssen zusammenhalten

Musíme si pomáhat. CZ 2000. R: Jan Hrebejk. B: Petr Jarchovsky. K: Jan Malír. S: Vladimír Barák. M: Ales Brezina. P: Total Helpart, Ceska Televize. D: Boleslav Polívka, Anna Sisková, Jaroslav Dusek u.a.
124 Min. Movienet ab 21.3.02

Helden wie wir

Von Stefan Uhrik Nachdem Regisseur Jan Hrebejk seinen ersten Film Sakalí léta (Big Beat) beendet hatte, machte er sich sofort daran, sein nächstes Projekt Wir müssen zusammenhalten vorzubereiten. Doch als sich die Realisierung aus finanziellen Gründen verschob, gelang es ihm irgendwie, noch parallel die Komödie Pelísky zu drehen, die mit mehr als einer Million Zuschauer zum Blockbuster des Jahres wurde. Als dann Wir müssen zusammenhalten in die Kinos kam, hat dieser zwar das tschechische Publikum nicht sonderlich begeistert, es aber immerhin, nach der tschechischen Nominierung zum Oscar, doch geschafft, einen US-Verleih zu finden.

Abgesehen davon, daß Hrebejks Erstling Sakalí léta ein Musical ist, haben alle seine Filme etwas gemeinsam: Der erste führt in die späten 50er, als sich ins poststalinistische Prag der Rock'n'Roll einschlich. Der zweite in die 60er, kurz vor der sowjetischen Invasion, und der dritte in die Zeit des Zweiten Weltkriegs. In allen dreien betrachtet er die historischen Ereignisse durch das Schicksal des »kleinen tschechischen Mannes«. Drehbuchautor Petr Jarchovsky, dessen Verdienst an Hrebejks Erfolg nicht gering ist, neigt bei der Skizzierung dieser Menschen zu einer feinsinnig-humorigen Überzeichnung. Er verbindet diese mit der Fähigkeit, jegliches Heldentum, aber auch jede Feigheit zu relativieren. Seine Studien führen zu Charakteren, bei denen nicht eindeutig ist, ob sie bejahend oder ablehnend gemeint sind, aber gerade deshalb so realistisch ausfallen. Übrigens etwas, das in der tschechischen Literatur eine lange Tradition hat.

Solch eine Figur ist die des Josef Cízek: Eher durch ein zufälliges Zusammentreffen von Umständen hält er zwei Jahre lang in der Abstellkammer seiner Wohnung den Juden David versteckt. Damit Josef so wenig wie möglich auffällt, gibt er sich loyal und kollaboriert bereitwillig mit den Besatzern. Im Gegensatz zu ihm verhält sich sein Nachbar Simacek wie ein Patriot. In kritischen Augenblicken jedoch entpuppt er sich als Feigling und Denunziant. Was ihn nicht hindert, als alles vorbei ist, sich bereitwillig unter die Widerständler zu mischen. Josefs Freund Horst Prohazka dagegen ist ein klassischer tschechischer Kollaborateur, der sich den antrainierten Gesichtsausdruck eines unbescholtenen Bürgers aufgesetzt hat. Doch wie am Ende eine der Filmfiguren sagt: »Ist auch er einer von uns«. Hrebejks Film, durch den deutsche Besatzungsoffiziere, Juden und sogar sowjetische Befreier spazieren, handelt vor allem vom tschechischen Wesen: Davon, daß Zivilcourage, Tapferkeit und Patriotismus ebenso relativ sind wie Feigheit und Kollaborantentum.

Die starke Seite von Hrebejks Filmen ist ihre schauspielerische Besetzung. Das Duo Boleslav Polívka und Jaroslav Dusek, die Josef und Horst darstellen, hat der Regisseur bereits in Pelísky getestet. Einige Darsteller fand Hrebejk zum Teil in der Slowakei. Überzeugend ist vor allem Anna Siskova als Josefs Frau. Die bekannte Theaterschauspielerin erhielt in diesem Film zum ersten Mal eine richtige Chance, wie auch Martin Huba als deutscher Offizier Kepke und Csongor Kassai, der den Juden David spielt. Ihn hat man sogar am ungarischen Theater im slowakischen Komarno entdeckt.

Wir müssen zusammenhalten repräsentiert in vielem das Denken und den ästhetischen Zugang tschechischer Künstler Hrebejks Generation: Er ist zwar ein Mainstreamfilm, zeigt aber im besten Sinne einen Weg, den die Kinematographie eines kleinen europäischen Landes gehen könnte. 1970-01-01 01:00

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