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Valerie

D 2006. R: Birgit Möller. B: Milena Baisch, Ilja Haller. K: Kolja Raschke. S: Piet Schmelz. M: Christian Conrad. P: Credofilm. D: Agata Buzek, Devid Striesow, Birol Ünel, Gutbert Warns u.a.
85 Min. Zauberland ab 26.4.07

Das Model und der Wachmann

Von Maike Schmidt Eine junge Frau steht am Fenster und raucht eine Zigarette. Sie verläßt das Hotelzimmer, geht den langen Flur entlang. Still, nachdenklich. Die junge Frau ist Valerie, ihres Zeichens Model, groß, schlank, lange rotblonde Haare, schöne Kleider. Ein Casting ist vorbei, viele Freunde, alle wollen nun feiern gehen. Valerie will nicht; kaum ein Wort kommt über ihre Lippen. Schmales Lächeln. Kurze Verabschiedung. Zurück ins Hotel. Der Portier fragt freundlich nach der Kreditkarte, Valerie lächelt scheu, verspricht zu suchen. Morgen. Langsam wird klar, Valerie wird niemals zahlen, denn Valerie ist pleite. So richtig. Kein Pfennig Geld mehr auf der Bank oder in der Börse. Ein erfolgreiches Leben als Model liegt hinter ihr, viele Partys, viele Bekannte, viel Bussi-Bussi. Keine Gedanken an morgen, keine Pläne. Das Leben ist schön, Paris, New York, Berlin. Nun kaum mehr Aufträge, ein Hostessenjob in Dubai – vielleicht. »Seien wir ehrlich, deine beste Zeit liegt hinter dir.« Sprach die Agentin und verschwand gen Paris, New York, wer weiß.

Valerie ist allein, sondert sich ab. Zu stolz ist sie, ihren Freunden zu erzählen, was los ist. Lieber vorspielen, daß alles in Ordnung, alles so ist, wie immer. Auch sich selbst. Ins Hotel kann Valerie nicht zurück; was bleibt, ist die Tiefgarage, in der ihr Auto steht, ihr neues Zuhause.

Andächtig und ruhig wird hier die Geschichte eines Menschen erzählt, der stolpert und nun fällt. Langsam und detailliert breitet sich eine kleine Tragödie vor uns aus. Der Film wirkt dabei, als wüßte er selbst nicht, wo das alles enden wird. Er folgt Valerie in ihrer Ungewißheit. Unvorbereitet vor dem Nichts stehen, was machen? Valerie weiß es nicht, der Film weiß es nicht, behutsam treibt er neben seiner Protagonistin. Fängt sie ein in kalten Bildern, zeigt ihre Verlorenheit. Nachts, im Pelz durch den Schnee. Wohin gehen? Erstmal eine rauchen. Fünf Minuten Zeit, nicht nachdenken müssen. Danach – wer weiß. Agata Buzek ist Valerie. Ungläubig, verleugnend, gelähmt. Man nimmt ihr alles ab. Ihre Suche nach einem Platz zum Duschen, nach einem Ort mit Heizung, ihre Suche nach sich selbst. Ihre Machtlosigkeit bringt Erstarrung. Man versteht, sie hat nicht ihr Geld verpraßt, sie hat sich selbst keine Möglichkeit gegeben, zu wissen, wer sie ist. So bleibt kein Handeln. So bleibt Starre. Als sie mit Herrn Isenberg in seiner Wohnung ist, plötzlich ihren Körper verkaufen soll, muß sie lachen: »Die Situation ist zu komisch.« Eigentlich nicht, zum ersten Mal kommt so etwas wie ein Begreifen in ihr hoch, die Absurdität ihrer Situation. Doch Handeln kann sie immer noch nicht. Sie lernt André kennen, er beschützt den Parkplatz der Tiefgarage und damit auch Valerie, die jetzt hier wohnt. Der blinde Passagier. Devid Striesow spielt André, irritiert, mitfühlend, lakonisch. Ihre Annäherung bleibt in der Dramaturgie des Filmes verhaftet. Leise, besonnen, vorsichtig.

Birgit Möller erzählt mit ihrem ersten Langspielfilm behutsam vom Absturz einer Frau, die mit allem, aber nicht damit gerechnet hat. Was machen, wenn man plötzlich vor dem Nichts steht? Es geht dabei nicht um Vorschläge für einen verantwortungsvollen Umgang, verhaftet in unseren gesellschaftlichen Strukturen. Es geht um die emotionale Durchdringung eines Versagens, des Zugeständnisses des eigenen Scheiterns. Birgit Möller sagt in einem Interview: »Ich wollte eine Figur, die auf der Suche nach ihrem Platz im Leben ist.« So findet sich hier auch kein Zeitbild unserer Gesellschaft, keine Hartz IV-Dramatik. Der Film läßt sich auf diesen Diskurs nicht ein. Möller bleibt bei Valerie, ganz nah. Zeigt ihre Geschichte. Und das ist die Stärke des Films. Die Unausweichlichkeit, von der hier erzählt wird, setzt sich in Dramaturgie, Kamera, Schauspielführung um. Was dabei entsteht, ist ein stringenter Ablauf, der von der Dichte und Schärfe des Gesamteindrucks komplementiert wird. Man spürt die Sorgfalt, mit der die Figuren in das Setting gesetzt wurden. Die großartige Schauspielerauswahl stand dabei nur am Anfang. So bleibt zu hoffen, daß bald mehr davon zu sehen ist. Von Birgit Möller, Agata Buzek, Devid Striesow. 1970-01-01 01:00

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