90-60-90
Von Thomas Warnecke
The Limey ist die Quersumme des Kinos der 90er: wiedererweckte Darsteller, die ihre Zeit eigentlich schon hinter sich haben, Dialoge, die vor allem von Slang leben, alle sind Gangster oder Killer, und die Handkamera verspricht Authentizität. Dazu kommt, daß die Montage die Geschichte in kleine Episoden zerlegt und somit die Kontinuität der Handlung unterwandert – Short Cuts sozusagen. Natürlich ist es wichtig, die richtigen Songs dabei zu haben.
Das wußte schon Peter Fonda, als er den Easy Rider machte, und ihm die Rolle eines alternden Musikproduzenten anzuvertrauen ist eine ebenso einfache wie ironisch-geniale Idee Soderberghs. Ein bißchen hat The Limey auch auf den Schnitt von Easy Rider geschaut: Immer, wenn dort der Schauplatz wechselte, wurde dieser Wechsel durch ein Hin- und Herschneiden zwischen den beiden Szenen hinausgezögert. The Limey springt ständig zwischen Schauplätzen und Zeitebenen und gibt sich die größte Mühe, dabei jede Einheit von Zeit und Ort zu umgehen. Das führt zu einer Vielzahl von Perspektiven, die an die Stelle eigentlicher Aktion treten. Und weil Soderbergh nicht die Einstellung, sondern eben die Montage zum tragenden Stilelement erhebt, ähnelt der Film eher einer rasanten Diashow mit Ton, die Bilder nach dem Beats-per-minute-Prinzip aneinander reiht. Damit kann er auf Dauer nicht verheimlichen, daß die zugrundeliegende Dramaturgie des Drehbuchs reichlich konventionell ist.
Natürlich gibt es keine neuen Geschichten, und es kommt nur darauf an, das Bekannte möglichst ungewöhnlich zu erzählen: Soderbergh erzählt die Recherche als eine Abfolge von Erinnerungen, Wahnvorstellungen und traumatischen Erfahrungen, die vor dem inneren Auge Terence Stamps ablaufen. Doch dabei macht er seinen größten Fehler: Weil er nämlich nicht auf die Wirkung seiner halluzinatorischen Bildfolge vertraut, spielt er hin und wieder den allwissenden Erzähler, damit wirklich jeder weiß, was Realität ist und was Einbildung. Er zweifelt die Unterscheidung zwischen Phantasie und Wirklichkeit an, aber es gelingt ihm nicht, sie aufzuheben.
1999-11-30 00:00