Point Blank
Von Hans Schifferle
Soderberghs Filme, sie sind immer sehr intelligent und furchtbar kindisch zugleich. Dabei gefallen mir seine ausgeflippten Filme, die als mißlungene gelten, besser als seine geschlossenen Filme, die zu Erfolgen wurden.
Kafka mag ich mehr als
Sex, Lies and Viedeotapes, seinen selten gezeigten fiebrig-komischen Film noir
The Underneath mehr als den schicken Hit
Out of Sight, Everybody's Darling im letzten Jahr, der mir austarierter erscheint (zwischen Mann und Frau, schwarz und weiß, gut und böse).
In seinem neuen Film
The Limey erzählt Soderbergh eine einfache Geschichte – die Story einer Rache – möglichst kompliziert. »This is
Get Carter made bei Resnais«, sagt er selbst über seinen Film, in dem die Erinnerung an die Sixties mit der Realität der späten 90er zusammenfließt, englische Erfahrungen mit kalifornischem Chic kollidierten. Man könnte Soderberghs Beschreibung weiterspinnen und behaupten,
The Limey wirke, als hätte Todd Solondz eine Melville-Hommage gedreht oder Richard Lester eine Elmore Leonard-Verfilmung gemacht.
Soderberghs verspielter Stil, der die Avantgarde beschwört, paßt einfach bei
The Limey. Im Subgenre des Rachefilms geht es ja immer auch um Reflexion und schmerzliche Selbstfindung. Das Leben läuft nochmal ab vor den Augen der zwiespältigen Helden in Boormans
Point Blank und Hodges'
Get Carter, den Filmen, die Soderbergh hier hauptsächlich beeinflußt haben. Darüber hinaus paßt sein Stil wunderbar zum Time Shuffle von
The Limey.
Genial die Besetzung: Da stehen sich mit Terence Stamp und Peter Fonda (als Stamps Nemesis) zwei 60er Jahre-Ikonen gegenüber. Der eine hat den Traum verkauft und lebt jetzt ausgebrannt in Villen, die Festungen und Gefängnissen gleichen.
The Limey ist zweifellos ein Film über die Suche nach der verlorenen Zeit. Auch in den Nebenrollen treten 60ies und 70s People auf: die ewig schöne Lesley Ann Warren, der Warhol Superstar Joe Dallesandro und Barry Newman, der in
Vanishing Point und
Petrocelli gespielt hat.
Soderbergh ist schon ziemlich gut in der Inszenierung von Stamps grotesk-gewaltätigem Ein-Mann-Rachefeldzug. Wenn Stamp am Anfang die Gangster fertigmacht, mit denen Fonda sich eingelassen hat, ist das komisch, brutal, packend und nicht ohne Eleganz. Den letzten Weg eines alten Mannes zeigt Soderbergh: Vielleicht hat sein Film also etwas zu tun mit Kleinerts
Wege der Nacht und Lynchs
Straight Story. Soderbergh ist auch sehr gut in der Darstellung von Melancholie – und das nimmt mich besonders ein für
The Limey. Berührend sind die Passagen, in denen sich Stamp an seine Vergangenheit erinnert. Diese Flashbacks sind Ausschnitte aus Ken Loachs
Poor Cow, in dem der junge Stamp gespielt hat. Grandios ist die Sequenz, in der Peter Fonda vor dem Spiegel stehend seiner jungen Freundin von den 60ies erzählt, davon, daß es eigentlich nur zwei Jahre waren, 66 und 67. Der arrogante Typ weiß, daß er fertig ist, daß er seinen Point Blank erreicht hat. Und fast hat man Mitleid mit ihm.
1999-11-30 00:00