Von Nikolaj Nikitin
Ab und zu, eigentlich eher sehr selten, begegnen mir Filme, die mich wirklich beeindrucken. Ich wage es kaum zu schreiben, aber es gibt Filme, die sind größer als der Kritiker. Filme, die einen so mitnehmen, daß man am liebsten in ihnen verschwinden möchte, die einen derart einsaugen, daß man wirklich das Gefühl hat, den DarkRoom zu verlassen und Teil des Zelluloids geworden zu sein.
Kurze Rede, langer Sinn:
Sleepers ist so ein Film.
Sleepers ist überwältigend, bombastisch und monumentalistisch. Er besitzt all die Qualitäten, die großes Kino ausmachen. Und dabei scheint er durch das Staraufgebot und den programmierten Erfolg fast schon Durchschnittsware, ja reine Auftragsarbeit. Die Beteiligten sind schon zu sehr professionell, zu routiniert, um für Überraschungen gut zu sein. Ich habe das Gefühl, alle so gut und lange zu kennen, um genau zu wissen, wo ihre Grenzen liegen. Ich werde aber doch überrascht bzw. überwältigt, weil sie alle es schaffen, ihre Grenzen zu überschreiten, ihr voriges Werk neu zu definieren, die zum Teil von ihnen selbst angelegten Ketten zu zerbrechen.
Das macht einen Großteil der Qualität des Films aus, angefangen bei den Darstellern.
Robert de Niro: Ich habe zwar schon immer gesagt, Keitel sei der Bessere und habe eigentlich die Karriere de Niros verdient. Mr. White besitzt einfach eine größere Wandlungsfähigkeit, seine Palette an Charakteren ist viel weiter gefächert. De Niro hingegen verkörpert im Grunde immer denselben Typ, nur in leichten Nuancen variiert. Dennoch gehört er nun mal zur Crème de la crème. Ich fühle mich in dem Verdacht, daß sein Potential ausgereizt ist, immer wieder bestätigt. Zwar spielt er in
Heat Pacino an die Wand (ach Al, was für ein Fehler, hättest du es nicht gemacht, könnten deine Fans weiterhin behaupten, du wärst der Größte, aber damit ist ein für allemal Schluß), aber das in einem mittelmäßigen Film, der nun rein gar nichts zu bieten hatte. Über das Schundwerk
The Fan will ich lieber schweigen!
Sleepers hat mich jedoch eines Besseren belehrt. Mit dem Film beweist de Niro, daß er doch zu Recht in den Olymp der Mimen aufgenommen wurde, denn begnadete Schauspielkunst findet sich in Momenten totaler Zurückhaltung. Unter Levinsons Regieführung gelingt es de Niro, eine Szene nur durch seinen Blick zu beherrschen. Diese Beobachtung trifft auf die gesamte Darstellercrew von
Sleepers zu. Brad Pitt hat erst jetzt bewiesen, daß er ein Schauspieler ist, und nicht mit seinem Generve in dem von zwölf Affen inszenierten Film, oder dem Mist, der so aussieht, als sei er in
Sieben Tagen gedreht worden. Für all die, die Dustin Hoffman immer noch für einen mittelmäßigen Schauspieler halten: Kinder, macht die Augen auf!
Insbesondere hat aber auch Michael Ballhaus mit
Sleepers bewiesen, daß er einer der größten Virtuosen hinter der Kamera ist. Auch hier gilt zum Teil de Niros Strategie: Zurückhaltung (bei diesen furchtbaren 360°-Fahrten in
Outbreak wurde einem schon fast schlecht). Zum anderen merkt man, daß er den aktuellen Filmmarkt aufmerksam verfolgt (Wong Kar-wai läßt grüßen). Und schon allein die Fahrt ins gleißende Licht beweist ein begnadetes Kameraauge.
Barry Levinson hingegen ist eigentlich zu gut für Hollywood. Mit genialen Meisterwerken à la
Bugsy und
Tin Men hat mich der Regisseur bereits in seinen Bann gezogen. Immer wieder schuf er Filme, die eine geheimnisvolle Ausstrahlung besitzen. Kleiner Rat am Rande: unbedingt
Jimmy Hollywood anschauen!
Milan Pavlovic (steadycam) beklagt sich darüber, daß es anscheinend kein
Diner der 90er geben werde.
Bitte sehr, hier ist es! Für viele war dieser erste Teil der Baltimore-Trilogie Levinsons der Inbegriff der Stimmung der Achtziger (lustiges Palaver, Scherze und komische Abenteuer fünfer Freunde und Rumhängen in eben jenem Diner). Ebenso drückt
Sleepers, obwohl er – genau wie
Diner – nicht in der Jetztzeit spielt, die Neunziger aus: eine harte Gesellschaft. Soziale und ökonomische Probleme beherrschen das Land. Rassenunruhen und Naturkatastropen häufen sich. Außerirdische bedrohen uns!?! Wie reagiert die Filmindustrie? Zum einen mit Filmen wie
Reservoir Dogs oder
Serial Mom, zum anderen mit Werken wie
Henry – Portrait of a Serial Killer und
Mann beisst Hund: Blutige Parodie oder harter Dokumentarismus. Beides funktioniert und kommt auch an.
Sleepers vereint beide Richtungen: Realistische Folterszenen werden mit parodistischen Momenten im Gericht konfrontiert. Nach harten Gefängnisszenen, die es schaffen, alles auszudrücken, ohne alles zu zeigen (ich hasse Filme, die alles krampfhaft bebildern), wird dem Zuschauer ein selbstironisches Auftreten Dustin Hoffmans als versoffener Anwalt präsentiert. War es in Waters' Geniestreich noch die verkorkste Mediengesellschaft, die eine Massenmörderin vor der blinden Justitia rettete, ist es in diesem Fall Hell's Kitchen. Durch innere Geschlossenheit und extremen Zusammenhalt überlistet der Stadtteil das Rechtssystem des Molochs New York. Schließlich erreicht der Film ein Stadium, in dem er die Zuschauer derart emotional fesselt, daß die Verlockung groß ist, selbst blind vor Wut den Taten der Hauptdarsteller zu folgen.
Sleepers ist im Grunde ein Scorsese, wie der Meister ihn nicht hätte drehen können –
Casino und auch
Good Fellas, aber losgelöst von den alten Konventionen, die der raging bull immer noch befolgt. Auf jeden Fall stellt
Sleepers einen absoluten Höhepunkt in Levinsons Karriere dar. Mal sehen, ob sich sein Andocken an die Sci-Fi-Rakete (
Sphere) auszahlt.
Und die Moral von der Geschicht': was dem Sergej der Kinderwagen, ist dem Barry sein Hot dog. Die Amis lieben nun mal ihr Essen mehr als ihre Kinder.
Letztes Jahr durch Machwerke wie
Crash,
Breaking the waves,
Kansas City und
Gefühl und Verführung malträtiert, befürchtete ich schon, den Glauben an die magische Leinwand zu verlieren. Doch zum Glück fängt das Kinojahr 1997 mit einer wahren Erleuchtung an.
1970-01-01 01:00