Sleepers

USA 1996. R,B: Barry Levinson. K: Michael Ballhaus. S: Stu Linder. M: John Williams. D: Kevin Bacon, Robert de Niro, Dustin Hoffman, Jason Patric, Brad Pitt, Billy Crudrup, Ron Eldard u.a.
147 Min. PolyGram ab 30.1.97
Von Mark Potocnik Seid also glücklich in Eurem Leben, geliebte Kinder meines Herzens, und vergeßt nicht, daß bis zum Tage, an dem Gott uns die Zukunft gütig enthüllt, alle menschliche Weisheit in den Worten liegt: Warten und Hoffen!
(Alexandre Dumas, »Der Graf von Monte Christo«)

Am Anfang von Sleepers sieht man vier Jungen auf dem Dach eines Hauses sich sonnen; faulenzend lassen sie sich bräunen und beobachten das Treiben auf der Straße in dem New Yorker Stadtteil Hell's Kitchen. So unbeschwert wird die Kindheit nie mehr sein; sie wird sich zu einem Trauma entwickeln, das ihre Handlungen, ihr weiteres Leben beeinflussen wird.

Ein Dummer-Jungen-Streich, bei dem ein Mann fast stirbt, wird den vier Freunden Michael (Brad Renfro), John (Geoffrey Wigdor), Tommy (Jonathan Tucker) und Lorenzo (Joe Perrino) zum Verhängnis, sie werden ins Erziehungsheim »Wilkinson Home for Boys« gesteckt. Dieser Ort erweist sich als der wahre Vorhof zur Hölle. Sean Nokes (Kevin Bacon) und seine Wächterskollegen nutzen die ihnen übertragene Macht über die jugendlichen Deliquenten brutal aus, vergewaltigen und drangsalieren sie, rauben ihnen die menschliche Würde.

Die Akteure in Sleepers sind innerlich zerschnitten, aufgesplittert, aufgerieben, unfähig, den Strich unter die Vergangenheit zu ziehen. Levinson zeigt dazu Bilder einer verstörten Wahrnehmung, die in den Film eingesprenkelt sind, die nicht mehr das Ganze erfassen können, sondern nur noch die Details aneinanderreihen, ohne eine Struktur erkennen zu lassen, so wenn die Fahrt einer U-Bahn an der Kamera vorbei gezeigt wird: fragmentierte Momentaufnahmen, die die Orientierungslosigkeit der Akteure aufblitzen lassen. Nur die Hoffnung auf Erlösung bleibt, die Levinson visuell durchaus gelungen umsetzt.

Bei einer Mißhandlungsszene ist das Gesicht von Lorenzo zu sehen, von dem sich die Kamera stetig entfernt und in den Tunnel einfährt, durch den die Wächter des Erziehungsheims die vier Jungen getrieben haben, um sie im Keller des Hauses vergewaltigen zu können. Die Kamera taucht in den Tunnel ein, und das gesamte Bild wird schwarz mit Ausnahme eines gleißend hellen Rechtecks, auf das sich die Kamera hinbewegt, bis sie es durchstößt. Doch das Geschehene läßt sich nicht verdrängen, es kehrt immer wieder.

Elf Jahre nach den Geschehnissen im Erziehungsheim treffen John (Ron Eldard) und Tommy (Billy Crudrup) ihren Peiniger Nokes in einem Lokal wieder. Die zwei, inzwischen berufsmäßige Killer, richten ihn regelrecht hin. Es kommt zu einer Gerichtsverhandlung. Michael (Brad Pitt), mittlerweile Staatsanwalt, und Lorenzo (Jason Patric), inzwischen Reporter, beschließen, nachdem Michael zum ersten Mal seit Jahren wieder Kontakt zu seinem Freund aufgenommen hat, ihren beiden Freunden zu helfen, die sie ebenfalls aus den Augen verloren hatten, und sich an den restlichen Wächtern zu rächen.

Im Erziehungheim bekommt Lorenzo ein Buch von seinem Lehrer geschenkt: »Der Graf von Monte Christo«. Ebenso wie der Roman erzählt auch der Film die Geschichte einer Rache, die sich zu ihrer Ausführung aller Mittel bedient. Unfähig, emotionale Bindungen eingehen zu können, erweist sich die Hoffnung auf Rache jedoch als ein trügerisches Konzept, die Vergangenheit zu verdrängen. In Sleepers bringt das Gespräch von ihm mit Pater Bobby (Robert de Niro) so etwas wie einen vorläufigen Frieden, dem er die Schrecken der Jugendjahre beichtet. Doch nur Lorenzo findet die Möglichkeit, in einem Gespräch sich der Vergangenheit zu stellen. Beim Abendmahl reicht ihm Pater Bobby die Hostie nach einem Moment des Zögerns.

Sleepers drängt bei der Beschreibung seiner Zeit zu sehr an die Oberfläche. Nur selten gelingt dem Film die herrliche Engführung von Detail und Ganzem, die Scorseses Casino auszeichnet, obwohl ansonsten durchaus Parallelen augenfällig sind, wie die Off-Stimme, die die Geschichte rückblickend erzählt, und der Einsatz der Musik, die als zeitgeschichtliches Dokument fungiert.

Sleepers ist nicht der ganz große Wurf geworden (trotz des großen Starensembles), dazu ist der Film in der Wahl seiner Mittel einfach nicht ökonomisch genug: Das Ende wirkt gar wie angeklebt. Doch trotz der mitunter pathetischen Ausrutscher und anderer Schwächen beeindruckt die außergewöhnlich gute visuelle Gestaltung (für die Kamera zeichnet Michael Ballhaus verantwortlich), die Sleepers zu einem ästhetischen Genuß werden läßt. 1999-11-30 00:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #05.

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