Königin der Herzen
Von Daniel Bickermann
Daß Kronen schwer auf Häuptern lasten, wissen wir nicht erst seit dem eingeblendeten Shakespearezitat, daß man sie mit Freude und Gewinn gegen Pferde (oder Hirsche) eintauscht, ist auch bekannt. Welche Kräfte, Instinkte und Fehler sich aber darunter verbergen können, das zeigt eigentlich erst Helen Mirren.
Sicher, Peter Morgans Drehbuch ist schmissiges Kammerspielkino voller Pointen, zu denen man seinen Nachbarn zuzwinkern kann: Schau mal, Blair im Fußballtrikot, Queen Mum als Schnapsdrossel, Charles als Trauerkloß, wir wußten’s ja immer. Mit Hilfe von Affonso Beatos routinierter Kamera, Alan MacDonalds stilsicheren Bauten und nicht zuletzt Stephen Frears’ übermäßiger Heldenverehrung hätte daraus ein einschläferndes Stück Dokudrama fürs Historien-TV werden müssen, am besten mit eingeblendeten Zeitzeugen-Interviewschnipseln vor schwarzem Hintergrund.
Helen Mirren macht all das zunichte und reißt statt dessen den Film an sich, wie es sich ziemt für eine Grande Dame. Sie weiß, was diese Geschichte braucht: Aus dröger Authentizität macht sie große Legende, aus einer in Wirklichkeit längst gähnend versteinerten Holzstatue eine zerrissene Frau, aus dem halbherzigen Einknicken vor den eigenen Umfragewerten ein Königsdrama um Einsicht, Schuld und Ohnmacht. Historisch gesehen ist das alles Blödsinn, aber für den Zuschauer ist es die einzige Rettung aus Schnarchnasenhausen.
Dabei muß Mirren gegen oder zumindest ohne Hilfe der Dialoge arbeiten. Noch bevor ein Wort fällt, reißt sie mit einer unnachahmlich hochgezogenen Augenbraue die Leinwand auf. Ihre Elizabeth II. ist eine widerlich verzogene Kuh, schillernd, herablassend, larger than life – von der ersten Sekunde an sind wir ihr liebevoll untertan. Und als sich Frears, übervoll an Rücksichtnahme, einen Gefühlsausbruch seiner Königin nur von hinten zu zeigen traut, hat Mirren schon so viel Haßliebe aufgebaut, daß sie allein mit einem Schulterzucken ein Erdbeben an Empathie erzeugen kann. Auf die im Drehbuch angelegte Rivalität zwischen ihr und Diana läßt sie sich gar nicht erst ein, statt dessen forciert sie ihre One-Woman-Horror-Picture-Show, bis auch der Letzte begriffen hat, daß dies nicht die Königin Britanniens ist, sondern die Monarchin, die wir uns alle wünschen.
1970-01-01 01:00