When Britain Refused to Sing
Von Cornelis Hähnel
Der Hirsch ist tot. Ehrfürchtig betrachtet die Queen den Kadaver des stolzen Paarhufers. Das königliche Tier hängt in einem Gartenhaus im Landsitzvon Balmoral Castle, der Sommerresidenz von Elizabeth II. Erlegt wurde das Tiervon den Wildhütern, nachdem ein englischer Geschäftsmann, der sicheinen Jagdurlaub im royalen Gehege erkauft hatte, dem Tier nur einen Streifschuß verpaßt hatte. Tagelang hatte sich das Tier gequält, bis es professionell erlegtwurde. Die Queen ist zutiefst bewegt.
Stephen Frears erhebt diese Szene zur zentralen Metapher des Films, läßt aber multiple Interpretationsmöglichkeiten zu, ebenso bewußt wie er klare Genre-Grenzen aufhebt. Subjektivität ist das große Metathema von Die Queen, auch wenn es objektiv betrachtet wird. Wo hört die eigene Entscheidungsfreiheit auf, und wo beginnt die Verantwortung für andere? Inwieweit geht man Kompromisse ein, auch wenn man sie als falsch empfindet?
Hannah Arendt sieht den Charakter des Privaten in der Abwesenheit von anderen. Doch wie lassen sich Privatheit und Öffentlichkeit trennen, wenn man ein repräsentatives Amt innehat?
Wie kann man persönlich agieren, wenn man nur die Funktion eines Symbols erfüllt? Genau an diesem Punkt setzt der Film mit größtem Feingefühl an, ohne jemals einen seiner Protagonisten auch nur ansatzweise zu diskreditieren. Und das, obwohl sich seine narrative Struktur der Mittel der sensationshungrigen Yellow Press bedient: die Queen ganz privat in den eigenen vierhundert Wänden, die Queen beim Frühstück, vor dem Fernseher; ihr Blick und ihr Kommentar nach einem offiziellen Empfang. Doch geschieht dies hier mit einem distanzierten, würdevollen Blick, mit dem Versuch, nicht zu kritisieren oder zu legitimieren, sondern einzig zu beobachten. Beobachten, wie ein auf traditionellen Zeremonien basierendes System mit dem ihm umgebenden, nach Flexibilität und Emotionalität verlangenden System kollidiert. Der Rahmen der bekannten Fakten dieser Tage gibt der fiktiven Ausarbeitung einen derart authentischen Anstrich, daß man vom Ablauf in eben dieser Art und Weise überzeugt ist, ohne daß je ein dokumentarischer Anspruch erhoben wird. Die Queen heischt nicht um Sympathien und ist kein Statement zur Monarchie, sondern einfach perfektes Erzählkino. Der Hirsch ist tot. Long live the Queen.
1999-11-30 00:00