Nachtgestalten

D 1998. R,B: Andreas Dresen. K: Andreas Höfer. S: Monika Schindler. M: Cathrin Pfeifer, Rainer Rohloff. D: Michael Gwisdek, Dominique Horwitz, Oliver Bäßler, Susanne Bormann, Horst Krause u.a.
104 Min. MFA ab 12.8.99

Besinnungsloses Kino

Von Fritz Göttler Schneller als das Auge sein – davon träumen die Filmemacher heute, offensichtlich, so soll das Kino sein, jung und dynamisch. Du hast noch nicht mal den Fuß auf den Bahnsteig gesetzt, schon hat ein wüster Typ dir die Reisetasche aus der Hand gerissen und jagt davon. Schnell, souverän wird uns der Blick gelenkt durch die Welt der Nachtgestalten von Berlin. Ein Zögern kennt er nicht, ein zweites Hinschauen, ein Zurück zu dem, was am Rande des Blickfelds, im Vorbeihuschen wahrgenommen wurde. Nur selten gibt es wirklich Zeit für die Nacht und die Stadt. Es ist, als würde mit einer Zoombewegung etwas erledigt, was ein Travelling erfordern würde. Der Unterschied, den das macht, kümmert wenige, wie die Freude zeigt über dieses Kino, und daß die Leute, die sich an dem komischen Peschke freuen, sonst nur Verachtung zeigen für das, was im Fünfzigerjahrekino Heinz Erhardt oder Rudolf Schündler machten – das gibt mir doch ein wenig zu denken. Ziemlich besinnungslos ist das Kino heute geworden, ohne Rücksicht darauf, was Straub und Kluge, Wenders und Herzog und auch Hauff und Lüdcke einst gemacht hatten.

Es gibt eine grausige, eine groteske Enge in diesem Film, was das Gegenteil ist von Dichte. Einmal nur ist, für Sekunden, die Leinwand entflammt, im ersten Blick der jungen Patty: auf die pralle Brieftasche des Bauernschnösels Jochen aus Neu-Ruppin. Begehren liegt in diesem Blick und Lust, aber dann merkt man, es ist ein abschätzender Blick, die Geldscheine zählend – und dann, eine Sekunde lang, daß ein letzter Rest Lust geblieben ist: am Spiel, wie diese Brieftasche zu ergattern wäre. Schneller als das Auge, so muß gewiß manchmal im Kino die Erkenntnis sein. Weh denen aber, die dafür die Genauigkeit opfern und die Verbindung von Schauen und Reflexion. Ob Jochen wirklich seiner Reisetasche verlustig geht, noch bevor er den Fuß auf den Bahnsteig setzte – genau für diese Fragen hatte Mister Muybridge einst das Kino erfunden. 1999-11-30 00:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #15.

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