Zwanghafter Motoriker: Michael Gwisdeks Peschke
Von Ursula Vossen
In seinem gutsitzenden silbergrauen Anzug unter einem dunklen Blazermantel wirkt er auf den ersten Blick wie ein Erfolgsmensch, doch weiß Henrik Peschke selbst es besser: »Ich bin und bleibe eben eine Null.« Schon beim ersten Auftritt macht Michael Gwisdek die Zwanghaftigkeit dieser Figur spürbar, den enormen Druck, unter dem dieser wenig attraktive Mittfünfziger steht. Monomanisch aktiv hantiert er nervös mit einem Blumenstrauß, legt sich mit dem Personal des Flughafens Tegel an und reagiert genervt auf eine Verspätungsmeldung. Dieser Peschke ist ein alternder Motoriker, der körperlich und verbal immer nach außen agieren muß, um nicht mit dem Blick nach innen, mit der tiefen Leere und Ziellosigkeit seines Lebens konfrontiert zu werden. Gwisdek ist die Idealbesetzung, denn es gelingt ihm, einen nervigen Charakter vorzuführen, ohne zu nerven, einen unsympathischen, ohne abzustoßen. Tat der Filmschauspieler Gwisdek dem Regisseur Gwisdek im Mambospiel keinen Gefallen, seinen Hang zur egomanischen Selbstdarstellung unverblümt auszustellen, so kommt dieser in Nachtgestalten der Rolle zugute. Mit unerwarteter Sicherheit im Einsatz seiner schauspielerischen Mittel spielt Gwisdek mit der Grenze zum bloßen Chargieren, um der Figur Profil zu geben, ohne sie indes dorthin kippen zu lassen. Ein bravourös gemeisterter Drahtseilakt, für den der gebürtige Berliner zu Recht auf der diesjährigen Berlinale ausgezeichnet wurde. Als Peschke am Flughafen für seine Firma einen Gast abholen soll, widerfährt diesem zutiefst beunruhigten Geist das Schlimmste: warten. Neben ihm sitzt zufällig der kleine Angolaner Felix, der vergeblich darauf gehofft hat, abgeholt zu werden. Gemeinsam machen sie sich auf zu einer Odyssee durch die urbane Nacht. Für einige Stunden gibt der verstörte Junge mit den großen Augen Peschkes Aktionismus ein wirkliches Ziel und Sinn. Felix' Stummsein ist die treffende Antwort auf Peschkes ununterbrochene Wortschwälle und redundante Selbstgespräche, die nur seine Kommunikationsunfähigkeit vertuschen sollen. Nur schade, daß Regisseur Andreas Dresen am Ende dem Jungen das Geheimnis seines Schweigens nimmt und ihn sich artig bedanken läßt. Die Begegnung mit Felix verändert Peschke zwar nicht, ermöglicht ihm aber bei dem nächtlichen Blick in den Spiegel einen kurzen Moment des Innehaltens und der Innenschau. Doch am nächsten Morgen fällt der ewig Subalterne wieder in die sinnentleerte Devotionsmaschinerie gegenüber seinem Chef Dr. Schneider zurück.
1970-01-01 01:00