Kleine Fluchten
Von Thomas Waitz
Nur ein kurzer Ausschnitt im Fernsehen, beim Zappen hängengeblieben. Henning Voscherau in einer Talkshow. Auch er sei auf der Suche. Schnell weitergeschaltet. Auf der Suche, unterwegs: die Nachtgestalten in Andreas Dresens Film. Auf der Suche nach was?
Ein skeptischer Blick an den Nachthimmel. Ein Flugzeug fliegt vorbei. Der Papst ist zu Besuch in der Stadt. In der Büchse liegt auf einmal ein Hundertmarkschein. Anna, eine Obdachlose. Ihren Stolz läßt sie sich nicht nehmen. Sich einmal einen schönen Abend machen, mit Viktor, ihrem Freund. Es geht schief. Peschke, ein Narr. Muß einen Geschäftspartner am Flughafen abholen. Findet stattdessen einen kleinen Jungen aus Angola. Patty, gerade achtzehn. Blasen kostet fünfzig, Verkehr achtzig. Jochen, vom Land, zu Besuch in der Stadt. Ein Polizist. Ein Taxifahrer. Eine Gruppe junger Punker. Die Schicksale zweier Handvoll Menschen, durch die Dramaturgie räumlich und zeitlich kunstvoll verflochten, in einer Nacht in Berlin. Der Film folgt ihnen in ausgeblichenen, farblich stark reduzierten Bildern. Selten habe ich eine deutsche Produktion gesehen, die in ihrer Bildgestaltung so geschlossen und durchdacht war. Die ausgeklügelte Farbdramaturgie ist bestechend. Die wenigen farblichen Akzente in einer fast monochromen Bildfolge sind bewußt gesetzt: Da ist die rote Jacke, die der Junge trägt. Rot ist auch die Farbe der Rose, die Jochen Patty einmal schenkt – nein, das müsse er nicht, schließlich habe er doch für ihre Dienste bezahlt. Aber Jochen besteht darauf. Später bleibt die Rose irgendwo liegen, unbeachtet. Rot ist das Auto von Ricardo, der den Jungen vom Flughafen abholen will. Er hat einen Unfall. Kommt zu spät.
Die komischsten Momente sind auch die schmerzlichsten. Jochen, der so naiv ist, daß er nicht wahrhaben will, daß Patty und ihn ein Geschäft und nicht eine Freundschaft verbindet. Auf seine unbeholfene, fast zärtliche Umarmung reagiert sie abweisend. Stattdessen fährt sie ihm mit der Hand in die Hose. Er möchte nicht. Er ist der Trottel vom Land, der verstohlen Telefonsexnummern wählt, sich dann aber nicht meldet. Das ist witzig. Sein Gesicht steckt voller Verzweiflung. Oder der gutmütige Peschke, der sich auf der Suche nach dem vermeintlichen Vater des Jungen von einer Bande Jugendlicher sein Auto klauen läßt, aber froh ist, daß es wenigstens nicht Polen waren. Solche Momente helfen einen Film zu ertragen, der zutiefst bitter und unversöhnlich ist. Doch das Lachen ist nie befreiend. Zu sehr schimmern die tiefen Verletzungen durch, die die Figuren ertragen müssen. In langen, kunstvoll gestalteten Einstellungen folgt die präzise, sich niemals aufdrängende Handkamera dem Geschehen. Wenn der Film etwa – scheinbar ohne Schnitt – Anna und Viktor auf ihrem Weg von einer U-Bahn-Station zur nächsten begleitet, dann schafft das eine ungeheure Authentizität und Nähe. In einer katholischen Unterkunft werden die beiden abgewiesen, weil sie nicht verheiratet sind. Man sei ein christliches Haus, da gebe es schließlich gewisse moralische Grundsätze. Und immer wieder: der Papst zu Besuch. Im Fernsehen. Oder als Ausrede, warum die Polizei im Augenblick nicht viel tun könne, leider. In solchen Szenen zeigt sich die ganze Unmenschlichkeit einer Gesellschaft, in der sich jeder damit herausreden kann, nur seinen Job zu machen. Das große Ziel ist viel zu weit weg, nicht zu erreichen. Kleine Fluchten, höchstens: endlich eine Dusche. Das Wasser bleibt kalt.
Ganz nebenbei, fast beiläufig, doch umso eindringlicher stellt der Film die Frage danach, was unsere Gesellschaft überhaupt trägt. In den letzten Bildern des Films schaut uns diese Frage direkt ins Gesicht. Wir bleiben mit ihr alleine zurück, nachhaltig verstört.