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Lichter

D 2003. R,B: Hans-Christian Schmid. B: Michael Gutmann. K: Bogumil Godfrejow. S: Hansjörg Weißbrich. M: The Notwist. P: Claussen & Wöbke. D: Ivan Shvedoff, Devid Striesow, Maria Simon, Janek Rieke, August Diehl u.a.
105 Min. Prokino ab 31.7.03

Globetrotter

Von Nikolaj Nikitin Müßig und ermüdend sind die Diskussionen der letzten Jahrzehnte, daß nach Fassbinder der deutsche Kinofilm nicht mehr exportfähig sei. Unnötig zu erwähnen, daß weder Der bewegte Mann noch Der Schuh des Manitu besonderes Potential für internationale Märkte besaßen – und die Ausnahmen viel zu spärlich sind. Doch plötzlich – im genauen Abstand von einem Jahr mit ihrer Weltaufführung im Februar – tauchen zwei deutsche Filme auf, die so gar nicht in das Bild der deutschen Anal-Teenie-Komödien oder verquasten Bildungsbürger-TV-Filme passen – geeint auch im Ort der Handlung: Frankfurt/Oder. Gemeint sind natürlich Schmids Lichter und Dresens Halbe Treppe (s. Schnitt Nr. 28). Beide Regisseure sind in der Vergangenheit mit überzeugenden und interessanten Arbeiten aufgefallen, beide übertreffen sich mit diesen Werken. Wahrscheinlich ist die Nähe der einst wegweisenden Filmnation Polen dabei inspirierend – und wirkt wie ein Befreiungsschlag von vorherrschenden Konventionen. Denn beide Filme verbindet so etwas wie eine universellere Kinosprache, die sonst dem heimischen Kino fehlt.

Was an Lichter verblüfft, ist, daß seine Zuordnung zum Ursprungsland nicht so auffällig ist wie die Produktionen aus dem Hause Eichinger. Zu gekonnt wird nicht nur zwischen den verschiedenen Episoden und darin enthaltenen Sprachen und Nationalitäten gesprungen, sondern eine leichtfüßige Inszenierung des ernsten Themas erreicht: Die einfühlsame Kameraführung des erst 25jährigen Polen Bogumil Godfrejow, die selten die Nähe zu den Figuren verliert, diese aber auch nicht mit ihrer Nähe zu erdrücken droht – das erinnert eher an die Werke polnischer Meister denn an heimische Boxoffice Hits. Intuitiv gelingt es Schmid auch in der Zeichnung der Flüchtlinge, auf Klischees zu verzichten und den Schauspielern den nötigen Raum für die Entwicklung ihrer Figuren zu lassen. Die einzige schauspielerische und dramaturgische Entgleisung findet sich im Chargieren von Herbert Knaup und den übertriebenen Zuspitzungen in der Villa eines Bauherrn.

Bei aller Leuchtturmdiskussion wirkt Lichter erfrischend undeutsch und international verständlich, etwas, das letztlich jeden gelungenen Film auszeichnet, hierzulande aber nach wie vor leider eine Seltenheit ist. 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #31.
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