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Lichter

D 2003. R,B: Hans-Christian Schmid. B: Michael Gutmann. K: Bogumil Godfrejow. S: Hansjörg Weißbrich. M: The Notwist. P: Claussen & Wöbke. D: Ivan Shvedoff, Devid Striesow, Maria Simon, Janek Rieke, August Diehl u.a.
105 Min. Prokino ab 31.7.03

Grenzgänger

Von Oliver Baumgarten Antoni ist eigentlich Taxifahrer im polnischen Slubice, und doch findet er sich plötzlich im Morgengrauen mit einer ukrainischen Familie am Ufer der Oder wieder. Ein angeblicher Schlepper, der dem völlig überforderten Antoni hat helfen wollen, ist mit dem Geld getürmt. Jetzt lastet auf ihm die Verantwortung für die drei Ukrainer, die unbedingt nach Deutschland wollen, in den goldenen Westen, eine neue Existenz aufbauen. Es klang zu Beginn so simpel, nach leicht verdientem Geld, mit dem er das Kommunionskleid für seine Tochter hat kaufen wollen. Doch Antonis Nervosität steigt, denn langsam wird es hell, und in ein paar Minuten werden sie keine Deckung mehr haben. Mit Gepäck auf dem Arm stakst er in die tiefe Strömung der Oder.

Hier, an der Grenze zwischen Frankfurt und Slubice, zwischen Ost und West, steht allen der fast zwei Dutzend Figuren das Wasser bis zum Hals. Während Frankfurt langsam aber stetig ausstirbt, keine Jobs mehr zu bieten hat, keine Grundlage für Existenzen, keine Qualitäten, entwickelt sich Slubice zum Umschlagplatz für neue Lebensentwürfe und zum Ort parasitärer Nutznießer an sozialer Not. Die Oder wird zum Rio Grande Europas, und jeder muß schauen, wo er bleibt. Auch Antoni. Seine Fluchthilfe mißlingt, er verzweifelt an seinem Stolz der Tochter gegenüber. Er nimmt seinen ganzen Mut zusammen und stibitzt unter Selbstleugnung den armen Flüchtlingen das letzte Geld.

Jede der sorgfältig gezeichneten Figuren überschreitet in Lichter eine Grenze des persönlich Ertragbaren. Ein Geschäftsmann zerbricht an seiner Insolvenz, eine Dolmetscherin wird zur Schieberin, ein junger Architekt verliert seine Existenz – sie alle werden zu Grenzgängern angesichts sozialer, politischer und ökonomischer Mißstände.

Auch Hans-Christian Schmid selbst überschreitet mit seinem neuen Film eine imaginäre Linie – die nämlich, die das Œuvre eines Regisseurs nach Qualitätsmaßstäben einkreist. Unter Beibehaltung seiner großen empathischen Fähigkeiten schafft er mit Lichter einen Film, dessen Reife verblüfft und dessen Relevanz sein bisheriges Werk bei weitem übertrifft. Lichter wendet sich mit seiner Atmosphäre zuhöchst konsequent und aktuell einer deutschen Wirklichkeit zu, die von Zukunftsangst, Resignation und Depression beherrscht ist. Schmids und Michael Gutmanns Buch vermeidet Abstraktionen und Stilisierungen und läßt seine Episoden ins Offene laufen – kaum Trost, wenig Hoffnung, aber auch keine Schwarzmalerei. Das starke Ensemble und der somnambule Score von The Notwist bilden ein wichtiges Element für den Fluß der ineinandergreifenden und oszillierenden Episoden, der letztlich zweifellos Hansjörg Weißbrichs Montage zu verdanken ist. Sein Gespür, mit dem er uneitel und einfühlsam dem Takt der Erzählung folgt und die Aufmerksamkeit von einer Episode zur nächsten geleitet, dürfte das Fundament für die überzeugende Eindringlichkeit von Lichter gewesen sein.

Lichter ist endlich der konzentriert geführte Blick auf die deutsche Gegenwart mit ihren spezifischen Problematiken, der immer wieder zurecht für den deutschen Film eingefordert wird. Wenn Du glaubst, es geht nicht mehr… 1970-01-01 01:00

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