Macondo des Balkans
Von Jutta Klocke
Eine Kleinstadt kann manchmal eine ganze Welt bedeuten. Emir Kusturica läßt sich viel Zeit, diese in all ihren phantastischen Facetten als einen Ort zu etablieren, der zugleich überall und nirgends sein könnte. Der Fokus richtet sich erst auf den eigentlichen Helden der Geschichte, als die der Welt entrückte Region mit Einbruch des Bosnienkrieges plötzlich ihre konkreten geographischen wie politischen Koordinaten erhält. Luka ist ein Träumer, der in der verschrobenen Einöde eine Zuflucht vor der Realität und damit sein wahres Zuhause gefunden hat. In der Tatsache, daß ausgerechnet er versucht, hier eine Eisenbahnlinie zu errichten, die Fortschritt und Profit bringen soll, manifestiert sich die Paradoxie seines Charakters. Denn von allen Einwohnern ist er am wenigsten in der Lage, mit der in den hermetisch geschützten Raum hereinbrechenden Außenwelt umzugehen. Sie kommt unerwartet über die zukunftsweisenden Gleise, die eben keine Touristen, sondern Soldaten, Kriegsgeiseln und Bombengewitter bringen. Der außerhalb der Grenzen des Bekannten entfachte Konflikt fordert dem Idyll eine klare Positionierung ab und beraubt es so seiner lange gehegten Unschuld. Für Luka kann die Konsequenz daraus nur sein, sich immer weiter zurückzuziehen – in die verlassene Kate des Vaters, den ideellen Schlupfwinkel der Liebe, das ferne Australien.
Der Balkan als Bühne bleibt nicht nur dekoratives Requisit. Die stumme Topographie der Landschaft fügt sich gleichberechtigt um die dröhnende Einwohnerschar des Dorfes. Wie Gabriel García Márquez' südamerikanisches Pendant Macondo, wo »Hundert Jahre Einsamkeit« möglich sind und dessen genaue Lage ebenfalls undefiniert bleibt, ist Kusturicas Städtchen kein reiner Märchenschauplatz, sondern vielmehr eine Spiegelung dessen, wie die eigene Herkunft und die Welt allgemein wahrgenommen wird. Im Gegensatz zu Márquez läßt Kusturica mit dem Aufbruch des Helden zu einem neuen, noch von der Welt verschonten Ort auch einen leisen Optimismus hinter dem tragikomischen Spektakel erkennen.
1970-01-01 01:00