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Ladykillers

USA 2004. R,B: Joel Coen, Ethan Coen. K: Roger Deakins. S: Roderick Jaynes. M: Carter Burwell. P: Pancake Pictures. D: Tom Hanks, Irma P. Hall, Marlon Wayans, J.K. Simmons, Tzi Ma, Ryan Hurst u.a.
104 Min. Buena Vista ab 29.7.04

Remake statt Remix

Von Dietrich Brüggemann Die Filme der Coen-Brüder waren eigentlich schon immer Remakes. Keines ihrer Werke tat, als würde sich ein Stück Realität einfach so ereignen, jedes ihrer scheinbar zweidimensionalen Bilder hatte eine lange filmhistorische Ahnenreihe. Am weitesten getrieben haben sie es damit in ihrem 1994er Big-Budget-Flop Hudsucker, der von Slapstick über Screwball bis hin zu Billy Wilders Apartment eine so verwirrende Vielfalt an Referenzen enthält, daß man ihn als unterhaltungsorientierter Kinogänger eigentlich gar nicht mehr genießen konnte, was dann ja auch nicht geschah.

Es ist also konsequent, wenn die Coens nun tatsächlich einen Klassiker neu verfilmen – doch zugleich erwartet man von ihnen mehr als nur die Aktualisierung eines alten Stoffes. Ein Remake aus der Hand der Coens muß eigentlich eine Intelligenzbestie von einem Film sein, historisch versiert und doch auf der Höhe der Zeit, doppelbödig und dennoch geradlinig.

Daß die Wahl auf Ladykillers fiel, ist nachvollziehbar, denn schon das Original hatte die Zutaten eines Coen-Films: Fünf Gangster mieten sich bei einer leicht entrückten alten Dame ein, tun so, als wären sie ein Streichquintett, planen in Wahrheit einen Bankraub und sterben einer nach dem anderen auf bizarre Weise, als es gilt, die zur Mitwisserin gewordene Dame aus dem Weg zu räumen.

Heute spielt die Geschichte am Mississippi, der auch die Rolle der Bahnlinie aus dem Original übernimmt. Das verhilft dem Film gleich im Vorspann zu grandiosen Bildern, als die Kamera uns schon einmal den Weg zeigt, den die Mehrzahl der Protagonisten im Lauf des Films gehen wird. Die Tableaus, die DoP Roger Deakins hier arrangiert, rufen noch Erinnerungen wach an die durchkonstruierten Welten, in denen die Coens sich vor Fargo austobten.

Doch im folgenden zeigt sich Stück für Stück, wie eine Entscheidung weitere nach sich zieht. Ladykillers von 1955 bezog einen beträchtlichen Teil seiner Atmosphäre aus der räumlichen Enge – das Haus der alten Dame stand direkt über der Bahnlinie, ständig donnerten Züge vorbei, wackelten die Wände, der Film spielte mit der andauernden Angst, am Abgrund zu baumeln und jeden Moment abstürzen zu können, was dem Großteil des Personals denn auch widerfuhr. Das Remake hingegen ruht in seiner urgemütlichen Südstaaten-Bräsigkeit, in der deutlich größere Anstrengungen nötig sind, um komödiantische Fallhöhe herzustellen.

Eine weitere Stärke des Originals, welches die fragile alte Mrs. Wilberforce gegen jede Wahrscheinlichkeit aus einer Fülle grauenerregender Gefahren gänzlich unversehrt hervorgehen ließ und so ständig für latent hysterische Spannung sorgte, hat im Remake ebenfalls keine Entsprechung, da wir es hier mit einer sehr resoluten Gospel-Oma zu tun haben, um die sich niemand ernstlich Sorgen machen muß.

Diese Elemente und noch viele Kleinigkeiten geben die Richtung an: Die Coens verzichten auf filmhistorische Querschläger und auf die Absurditäten des Originals, gehen stattdessen den Weg der ganz normalen Komödie und verlassen sich auf ihr Ensemble von gut gelaunten Knallchargen, angeführt von Tom Hanks, der allerdings als einziger keinen Zugang zu seiner Rolle findet und sich einen Vorrat an Manierismen zulegt, die weder glaubhaft noch lustig sind.

Trotzdem ist Ladykillers immer noch kurzweilig und gelegentlich grandios. Doch was der alte Film an Spitzen und Besonderheiten zu bieten hatte, wird hier mit Spaß und Beliebigkeit ersetzt. Mit der Radikalität ihrer früheren Werke hätten die Coens vermutlich den interessanteren, wenngleich weniger massentauglichen Film gemacht. 1970-01-01 01:00

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